„Share or Die“ – Die Parole der Krisengeneration

Von der Generation Y kann man nicht nur lernen, wie Twitter und foursquare geht. Sondern vor allem, wie man sich krisenfest macht und trotz ungewisser Prognosen optimistisch in die Zukunft gehen kann. Indem man nämlich vor allem gemeinsam geht.

Einen aufschlussreichen Blick in Leben und Werte der Generation Y gewährt das eBook „Share or Die“, das seit ein paar Tagen hier online zu lesen ist. Es ist eine Sammlung von rund 30 Essays, Kommentaren und Comic Strips von amerikanischen Vertretern der Generation Y. Allesamt angesiedelt nach einem erfolgreichen College-Abschluss, geht es um die Ankunft in der „real world“. Die USA in der Rezession hat den Akteuren jegliche Hoffnung auf einen halbwegs plan- und leistbaren Lebenslauf genommen. Ein Job, der den eigenen Qualifikationen entspricht, der mehr als das Leben in einem WG-Zimmer zahlt – ist für die top-ausgebildeten Autoren der Geschichten schlichtweg illusorisch.

Beth Buczynski bringt es auf den Punkt:

„American youth are slowly realizing that the old system is broken, and no longer holds the answer to all their dreams and desires. [...] We’re acknowledging that the pursuit of bigger, better, and faster things have plunged our country into a time of despair and difficulty. We’re convinced that business as usual isn’t an option any longer–but what’s the alternative?“

Das alte System wird als kaputt erlebt – das Hinterherlaufen nach „größeren, besseren und schnelleren Dingen“ als Ursache des heutigen Übels ausgemacht. Eine neues System ist gefordert – aber welches?

Die Generation Y hat insbesondere in den USA keine großartigen Aussichten. Angesichts aktuell drohender Staatsbankrotte können sich auch europäische Generation schon mal fester anschnallen. (Diesbezüglich lohnt auch ein Blick nach Argentinien, das 2001 pleite ging.) Vom System des Wirtschaftswunders sehr gut ausgebildet, mit hohen Erwartungen daran, die eigene Leistungsfähigkeit und Kreativität in Unternehmen einbringen und davon leben zu können, erwartet die Absolventen oft kein Job/kein adäquater Job/ein Job unter prekären Beschäftigungsverhältnissen.

Die Generation Y ist eine Krisengeneration. Und von keiner anderen können wir besser lernen, wie man angesichts einer krisenbehafteten Zukunft trotzdem optimistisch und damit handlungsfähig bleibt. Darum lohnt sich ein Blick auf die Strategien, die in den Kurzgeschichten entwickelt werden. Die ganz individuelle Antworten mit einem Grundthema: „Wenn wir eine Chance haben wollen – dann nur gemeinsam.“  Und darauf zu hoffen, dass einem irgendjemand hilft, ist sinnlos.

„Together, we’re learning that instead of waiting for politicians and corporations to fix the system, it’s possible to create a better one of our own, right under their noses. A new way of living, in which access is valued over ownership, experience is valued over material possessions, and “mine” becomes “ours” so everyone’s needs are met without waste.“ (Beth Buczynski)

Gemeinsame Werte sind für ein solche Strategie unabdingbar. Und zwischen den Zeilen der Geschichten finden sie sich zuhauf. Allen gemeinsam sind Selbstverwirklichung und Autonomie. Es geht es um den Mut, das „eigene Ding“ durchzuziehen, und da ohnehin keine sichere Option verfügbar ist, kann man dann auch die Comic-Zeichner-Karriere angehen. Und es geht vor allem um Autonomie. Bloss nicht Zurückkehren ins Elternhaus aus Geld- und Job-Gründen, dann lieber auf einer Matratze zu vielt in einer Substandard-Wohnung leben. Bloß nicht sich durch einen schlecht bezahlten Job knechten lassen, dann lieber mit einem Rucksack on lowest-budget von Job zu Job und Kontinent zu Kontinent hoppen. Oder: das Gefühl wahrer Autarkie und verdammt niedriger Supermarkt-Rechnungen durch den eigenen Garten entdecken. Gemeinsam ist es leichter, sich unabhängig zu machen.

Die gesamtgesellschaftliche Integration auf einen Nenner ist ein hehres und vor allem politisches Unterfangen. Viel praktischer, viel leichter und vor allem viel relevanter für das eigene Leben ist es, sich in kleineren Gruppen mit einem gemeinsamen Ziel zusammen zu tun. Indem der/das/die “Fremde” nicht mehr – wie uns von Eltern und Großeltern – als jemand Bedrohliches erlebt wird, sondern als potentieller Freund.  Man teilt Wohnung, Essen, Jobs, Geld, Fahrgelegenheiten, Wissen, Ideen, Visionen, Wünsche – und Hoffnung (ganz konkret – hier ein Liste dazu). Die Antwort, wie dieses neue System denn nämlich genau aussehen wird, bleiben die Geschichten schuldig. Aber man bekommt eine sehr gute Idee davon.