Christian Felber: “Gemeinwohl und Profit schließen sich als gleichwertige Ziele aus.”

werteindex.de freut sich über das Gespräch mit Christian Felber und das Konzept der “Gemeinwohl-Ökonomie”, dass er gemeinsam mit Unternehmern und Unternehmerinnen auf der Basis seines Buches „Neue Werte für die Wirtschaft.“ ausgearbeitet hat. Mittlerweile haben sich mehrere Hundert Unternehmen diesem gemeinwohl-orientierten Prinzip des Wirtschaftens verpflichtet. Im Oktober diesen Jahres haben die ersten ihre Gemeinwohl-Bilanz vorgestellt. Im Interview verrät er die wichtigsten Learnings und warum es mehr braucht als freiwillige CSR.

Das Thema der sozialen und ökologischen Verantwortung ist kein neues, sondern als Konzept der CSR seit Jahrzehnten präsent. Gleichwohl hat dieses Thema gerade Hochkonjunktur. Worin unterscheidet sich das Konzept der Gemeinwohlökonomie, was sind Gemeinsamkeiten? Warum ist ein neues Konzept notwendig?

Der Begriff CSR – soziale Verantwortung von Unternehmen ist kein naturgesetzlicher, sondern ein frei definierbarer. Jedes demokratische Gemeinwesen kann ihm eine eigene Bedeutung zumessen. Ich betrachte es als Verhöhnung der Demokratie, dass die soziale Verantwortung von Unternehmen freiwillig sein soll, während ihr Eigentum, ihre Interessen verbindlich geschützt werden. Ein „liberaler“ Gesellschaftsvertrag setzt sich aus Rechten und Pflichten zusammen. Deshalb ist der Kernunterschied der Gemeinwohl-Ökonomie zum CSR-Verständnis der EU und von „Respact Österreich“, dass die Gemeinwohl-Bilanz allgemeinverbindlich sein soll. Außerdem sind uns weitere Unterscheidungskriterien wichtig: Ganzheitlichkeit (z. B. nicht nur Umweltkriterien), Messbarkeit und Vergleichbarkeit (z. B. in Punkten) sowie die Belohnung derjenigen Unternehmen, die höhere Leistungen für das Gemeinwohl erbringen, z. B. durch niedrigere Steuern, Zölle, Zinsen oder Vorrang im öffentlichen Auftrag.

Am 5. Oktober d. J. veröffentlichten die ersten Unternehmen ihre Gemeinwohl-Bilanz-Ergebnisse. Was sind für Sie die wichtigsten Erkenntnisse?

Das erste Jahr war ein Testlauf, um die Bilanz und ihre Anwendbarkeit zu prüfen. Das wichtigste Ergebnis war: Fast alle Unternehmen meldeten zurück, dass die Bilanz ihnen hilft, den Blick auf Dinge zu richten, für die noch kein Gewahrsein vorhanden ist. Die Bilanz ist somit ein Bewusstseinsbildungsinstrument. Im ersten Jahr werden die Dinge sichtbar gemacht, ab dem nächsten Jahr beginnen sich die Unternehmen Ziele zu setzen, um Fortschritte zu machen. Außerdem haben wir wertvolle Rückmeldungen für die Weiterentwicklung der Bilanz erhalten – sie ist ein Work in progress unter immer breiterer Beteiligung.

Und was sind die wichtigsten Learnings in den Unternehmen selbst?

Zum einen Bildung: In vielen Unternehmen ist gar nicht das Wissen vorhanden, dass es Alternativen zu den vertrauten Prozessen, Produkten und Organisationsformen gibt. Für sie tun sich viele neue Wege auf. Zum anderen gilt es, festgefügte Meinungen und Gewohnheiten zu hinterfragen – und dabei Vorurteile abzubauen. Mitbestimmung heißt nicht immer „Basisdemokratie“; und es macht einen Unterschied, ob man den Beschäfigten gar nicht das Angebot macht, sich am Eigentum und Risiko des Unternehmens zu beteiligen, weil man davon ausgeht, dass das niemand will, oder ob man es auf freiwilliger Basis anbietet und die Beschäftigten selbst entscheiden lässt.

Das Konzept der Gemeinwohl-Ökonomie besteht aus einer Reihe von Regeln, u. a. wie Kapital verwendet werden darf. Inwiefern birgt ein solches, mitunter strenges, Regelwerk überhaupt notwendig, wenn man es mit intrinsisch motivierten Unternehmern zu tun hat?

Zum einen gilt es bewusst zu machen, dass der vermeintlich „freie Markt“ genauso eine Regulierung ist: Gewinnstreben, die Verpflichtung zur Finanzbilanzlegung inklusive aller damit verbundenen Vorschriften, Konkurrenz, Konkurs, … das alles sind gesetzliche Regeln oder „Zwänge“, auch wenn sie mit „Freiheit“ assoziiert werden. Zum anderen ist die Gemeinwohl-Bilanz kein ordnungs-, sondern ein marktkonformes Anreizinstrument. Niemand muss irgendetwas tun, aber wer sich für die Gemeinwschaft einsetzt und Leistungen erbringt, erhält dafür Vorteile. Drittens geht es in einer Gemeinschaft grundsätzlich nicht ohne Regeln. Jedes Gesetz schränkt die Freiheit ein, und dennoch haben wir eine Fülle davon. Weil der Freiheitseinschränkung der einen ein – hoffentlich – größerer Freiheitsgewinn andere gegenübersteht. Das Tötungsverbot schränkt die Freiheit derer, die töten wollen, massiv ein; aber durch das Verbot steigt die Freiheit aller.

Ihr Konzept fordert einen neuen Typus an Unternehmenslenker – geprägt durch soziale Verantwortung und Weitsicht. Wo haben egozentrische – nicht notwendigerweise destruktive – Unternehmermotive wie Selbstverwirklichung einen Platz in ihrem Konzept?

Selbstverwirklichung bekommt sogar mehr Platz als heute! Erstens, weil sie nicht egozentrisch sein muss. Wir sprechen in der Bewusstseinsentwicklung vom „Sozialen Selbst“ (schon die alten Griechen), vom „ökologischen Selbst“ (Ökophilosophie) bis hin zum „kosmischen Selbst“, das alles miteinschließt. Aber selbst was das Individuum betrifft, können Menschen in der Gemeinwohl-Ökonomie klarer „zu sich kommen“ als das heute möglich ist. Im Zwangsrahmen aus Besser-Sein-Müssen als Andere und Streben nach monetär gemessenen Erfolgen hat authentische Persönlichkeitsentwicklung „herzlich“ wenig Platz. Der „freie Markt“ ist eine heteronome (fremdbestimmte) Wert- und Anreizstruktur. Deshalb fühlen sich auch Topmanager erwiesenermaßen nicht wirklich „frei“, sondern wie Hamster, die zwar auf hohem Niveau und sehr gut bezahlt, aber doch unfreie Entscheidungen treffen müssen. An die Stelle des totalitären Profitmotivs treten Sinnerfahrung, Identität, Kompetenz und Dienst an der Gemeinschaft – vier psychologisch unumstrittene Grundbedürfnisse.

Derzeit macht auch Michael Porter mit seinem Konzept des Creating Shared Value von sich reden. Er versöhnt das Gemeinwohl mit dem Profitstreben – und ist damit sehr anschlussfähig bei heutigen Unternehmen. Wie sehen Sie dieses Konzept?

Von Gemeinwohl und Finanzprofit kann nur eins der Zweck sein, das andere ist das Mittel oder der Nebeneffekt. Als gleichwertige Ziele schließen sie sich aus, da halte ich es mit der Bibel: Gott oder Mammon, nicht und. Dass das Profitstreben Gemeinwohl zum Nebeneffekt haben kann, ist nicht neu, das hat es immer gegeben. Der Zusammenhang ist aber nicht sichergestellt, auch das Gegenteil ist möglich und heute systemisch. Sichergestellt ist das Gemeinwohl nur, wenn es als Ziel definiert wird, dessen Nebeneffekt Finanzgewinn in klar definierten Grenzen sein darf. Es kann nur eine „Bottom line“ geben. Dass Firmen wie Néstlé auf diesen „Es-gibt-keinen-Widerspruch“-Zug aufspringen ist Ausdruck dieser, um es vorsichtig zu formulieren, Unschärfe des Konzepts. Vielleicht kann ich es so klären: Es hilft wenig zu sagen: sowohl Privateigentum als auch die Menschenwürde sind Ziele und Werte. Entscheidend ist, was wir im Kollissionsfall sagen: Welcher Wert erhält Vorrang?

Vielen Dank für Ihre Antworten!

Es war ein Vergnügen!

Über die Person:

Christian Felber ist Autor und Referent zu Wirtschafts- und Gesellschaftsfragen sowie Gründungsmitglied von Attac Austria. Zu seinen Publikationen zählen u. a. “50 Vorschläge für eine gerechtere Welt”, “Neue Werte für die Wirtschaft – Eine Alternative zu Kommunismus und Kapitalismus” sowie aktuell “Die Gemeinwohl-Ökonomie – Das Wirtschaftsmodell der Zukunft.”.