Das Comeback der Strong Ties

Ein entscheidender Erfolgsfaktor des Internet bzw. Social Media ist, jeden mit jedem vernetzen zu können. Aber solche schwachen Beziehungen bedeuten immer auch Unsicherheit, die in einer ohnehin bereits riskanten Welt noch schwerer wiegt.

Das Internet sorgte und sorgt mit Recht für Euphorie: Es ermöglicht die Vernetzung von allem und jedem. Jeder kann mit jedem in Kontakt treten, und sogar mit sehr vielen gleichzeitig. Unglaublich, aber wahr – vor gut 20 Jahren stand für die meisten von uns am Anfang jeder Beziehung in der Regel ein Face-to-Face-Kontakt. Und wenn wir einen Kontakt erhielten, den wir noch nicht kannten, dann meist über die Empfehlung eines „echten“ Kontakts. In dieser Zeit entstand Granovetters „Strength of weak ties“-Theorie, einer der wichtigsten Theorien für die Erfolgsgeschichte des Internets. Sie besagt, dass die wertvollsten Informationen über (schwache) Bindungen außerhalb des eigenen engen Freundeskreis kommen – und dadurch das Neue in die eigene Welt bringen.

Schwache Bindungen gelten daher als der Nährboden für Innovation und Veränderung. Auch weil lose Beziehungsnetze offener und toleranter für Neues sind. Sie fördern Diversität und Heterogenität – und damit auch Innovationen (wie z. B. Florida argumentiert). Ihre Nachteile liegen darin, dass sie unsicherer und instabiler sind: Lose Kontakte verlieren sich leichter, und sind riskanter, weil das Wohlwollen des Gegenübers nicht so sicher ist, als wenn es sich um einen guten Freund handelt – von dem ich weiß, dass er z. B. einen Gefallen zurück erweist.

Schwache Beziehungen bedeuten Risiko

Durch das Internet änderte sich einiges. Das Internet eröffnete eine Unmenge an Weak Ties. Jeder kann twittern. Jeder kann ein Publikum finden. Jeder kann seinen Vorbildern followen. „Kontakte“, „Freunde“, „Followers“ – schwache Bindungen sind plötzlich im Überfluss vorhanden. Und ebenso ist es die Information – jene Ressource, die 1973 (der Geburtsstunde der „Strength of Weak Ties“-Theorie) so wertvoll war, weil es ungleich weniger Kanäle dafür gab – ist heute inflationär vorhanden. Sie wird zur Heraus- bzw. Überforderung. Gleichzeitig wiegt der Nachteil der Unsicherheit dieser schwachen Verbindungen in einer hochdynamischen und riskanten Welt noch schwerer.

Es lohnt ein Blick auf die „strong ties“, dem Gegenstück der losen Beziehungen. In der soziologischen Theorie bestehen enge Beziehungen zu Familie und guten Freunden. Sie sind weit weniger sexy und aufregend als die weak ties, die uns andere Welten eröffnen. Sie bestehen zu den Leuten, die wir gut kennen. Sie sind gekennzeichnet durch ein hohes Vertrauen und eine hohe Stabilität. Sie geben Sicherheit, weil das Verhalten und Wohlwollen des Gegenübers so berechenbar ist. Vertrauen, Kontinuität und Sicherheit – Eigenschaften, die wir mit zunehmender Komplexität unserer Welt und unseres Lebens immer höher schätzen. Die Grundlage solcher engen Beziehungen sind Gemeinsamkeiten. Sie bestehen zwischen Menschen, die sich ähneln, die den selben Hintergrund, die selben Interessen oder die selben Ziele – kurz: die selben Werte – teilen.

Enge Beziehungen bedeuten gemeinsame Werte

Vertrauen, Kontinuität und Sicherheit sind aber nicht nur Wohlfühlbegriffe, sondern die Grundlage für (kooperatives) Handeln. Nur wo Vertrauen ist, kann effektiv in Aktion getreten werden. Bei schwachen Beziehungen muss dieses Vertrauen relativ aufwändig künstlich hergestellt werden. Beides hat nicht zuletzt die Finanzkrise, die zur Vertrauenskrise wurde, gezeigt. So argumentiert auch Gladwell, der im relativen Mangel starker Beziehungen und damit gemeinsamer Werte und Motivation die Ursache dafür sieht, dass Social Media so wenig effektiven sozialen Wandel bedeutet.

Es ist aber noch zu früh, sich in die heimelige Welt der analogen, engen und damit guten Kontakte zu verabschieden. Denn auch enge Beziehungen sind nicht mehr das, was sie mal waren. Das Internet hat auch hier einiges verändert. Wir sind nicht mehr auf unser unmittelbare Face-To-Face-Umfeld angewiesen, um Sicherheit und Kontinuität zu finden. Denn auch Menschen, mit den selben Interessen und Zielen, sind im Internet ungleich einfacher zu finden als auf der Straße (und schon gar nicht im selben Dorf). Das Internet zeigt: Je obskurer oder nischiger die Interessen, desto schwieriger wird es zwar Gleichgesinnte offline zu finden, aber desto stärker und vitaler präsentiert sich die Community im Internet.

Gemeinsame Werte bedeuten Resilienz

Gleichzeitig wiegt ein entscheidender Nachteil enger Beziehungen nicht mehr so schwer: Eng geknüpfte Beziehungsnetze sind auch verschlossener gegenüber Neuem. Durch die Offenheit und Dynamik des Internet bedeuten Sicherheit und Stabilität nicht gleichzeitig Starrheit. Im Gegenteil: Angesichts der hohen Dynamik wird Vertrauen noch entscheidender für die eigene Handlungsfreiheit. Und die Stabilität eines engen Beziehungsgeflecht erlaubt Experimente und riskanteres Handeln – denn es verzeiht Fehler. Dadurch entsteht Resilienz – die Eigenschaft, flexibel zu bleiben und gleichzeitig sicheren Halt zu bewahren. Und die Voraussetzung, handlungsfähig zu bleiben.