Florian Nehm: “Was sind Werte wert? Es wird teuer, wenn Du sie nicht hast!”

Wie das langfristige Festhalten an der Politik der Nachhaltigkeit in einem Konzern für Innovation, Verbesserung der Wertschöpfungskette und letztlich für intangible Werte wie Vertrauen sorgt, berichtet Florian Nehm, seit 1993 Nachhaltigkeitsbeauftragter der Axel Springer AG, im Gespräch mit www.werteindex.de. Vom Vorstand einst gegen Widerstand und mit blauen Flecken durchgesetzt, vergrößerte sich der Fokus auf umweltrelevante Themen mehr und mehr hin auch zu gesellschaftspolitischen Fragen. Die für nachhaltiges Wirtschaften notwendige unternehmerische Transparenz hat heute Bindungskraft für Investoren und Kunden des Medienkonzerns. Die dem Nachhaltigkeitsgedanken innewohnende Risiko-Awareness hilft dabei, Krisen zu vermeiden und schützt somit unternehmerische Freiheit vor regulatorischem Eingriff.

Sind Sie als „one man show“ das Gewissen des Unternehmens oder Kostenfaktor in einem börsennotierten Verlagshaus?

Als Gewissen habe ich mich nie verstanden, eher als Frühwarn-System. Die Stabsstelle des Nachhaltigkeitsbeauftragten im Konzern sammelt Erkenntnisse zur Optimierung unserer Wertschöpfungskette und kommuniziert Verbesserungspotentiale ins Unternehmen. Durch rechtzeitige Reaktion Risikopotenziale zu verringern, ist sogar ein Kostensparprogramm

Kein Kostenfaktor? Umweltschutz ist doch teuer?

Ressourcen-Effizienz ist auch ökonomische Effizienz. So messen, vergleichen und veröffentlichen wir etwa den Energieaufwand oder den Abfall pro bedrucktem Quadratmeter Papier. Dieser Vergleich unserer Druckereien war anfangs ein Tabu-Bruch, hat aber durch Kommunikation zu mehr Wettbewerb und der permanenten Optimierung der Prozesse geführt.

Sie sparen also Geld, aber schaffen Sie auch Werte?

Mit nachhaltigem Wirtschaften schaffen wir auch großes Vertrauenskapital.. Das ist sicher ein eher intangibles Gut, also schwer in Heller und Pfennig auszudrücken. Aber jeder weiß: Es wird teuer, wenn du es nicht hast.

Waren diese Effekte Ihres Wirkens schon bei Ihrer Einsetzung im Jahr 1993 abzusehen? Sie waren ja kein Umweltschutzexperte sondern Journalist.

Ich vermute, dass der damalige Vorstand Horst Keiser das so erwartet hat. Er  hat die Position des Umweltbeauftragten nach etwa zwei Jahren Vorarbeit installiert und dann gegen manchen Widerstand im Haus durchgesetzt. Ihm war klar, dass es bei dieser Aufgabe zu Tabubrüchen und Kontroversen, was die notwendige Transparenz anging, kommen würde. Doch als Verlagshaus mit kritischen Journalisten sollte es uns nicht fehlen dürfen an Antwortfähigkeit gegenüber Kritik von außen. Bevor Greenpeace von uns wissen wollte: „Wieviel Wald kostet Ihre Zeitung“, hatte ich als ehemaliger Journalist dann erst einmal hausintern die Fragen gestellt.

Wann wurde das mehr als ein Feigenblatt gegenüber den organisierten Umweltschützern?

Ein Feigenblatt war es nie. Die Axel Springer AG hat den Gedanken der Nachhaltigkeit immer auch als Einmischungs- und Veränderungsmanagement gesehen und durchgesetzt. So haben wir beispielsweise als erstes Presseunternehmen  1993 alle unsere Papierlieferanten nach Umweltschutzaspekten befragt, die Ergebnisse veröffentlicht und unsere Einkaufspolitik danach ausgerichtet.

Das ging sicher nicht ohne blaue Flecken ab?

Natürlich war ein solches Vorgehen zunächst ungewohnt. Doch nach den ersten positiven Erfahrungen damit und den guten Diskussionen auch mit den Lieferanten haben unsere Einkaufschefs schnell auch solch ungewohnte Fragen gestellt, bei denen es etwa um die Rote Liste bedrohter Arten in Waldregionen ging. Und etwa um das Jahr 2000 erweiterte sich das Verständnis von Nachhaltigkeit auch um soziale Fragen wie Verantwortung für Mitarbeiter und gegenüber der Gesellschaft. Mittlerweile geht es in diesem Bereich sogar um korruptionsfreies Holz.

Wie bitte?

Das klingt ziemlich abstrakt, aber wir wollen entlang unserer Wertschöpfungskette alle möglichen Knackpunkte kennen und die Papierindustrie bezieht nicht alles Holz aus so vorbildlich organisierten Ländern wie Finnland. Die Frage nach Korruptionsfreiheit im Bereich etwa der russischen Zulieferer unserer Lieferanten haben wir zwei Jahre lang zusammen mit Transparency International vorbereitet.

Ihr Hauptaugenmerk gilt demnach der Nachhaltigkeit in Bereichen, in denen Ihr Unternehmen keinen direkten Zugriff hat.

Was wir im Hause selbst tun können, machen wir ohnehin. Ob Mülltrennung und -vermeidung oder Energiesparmaßnahmen etwa mit Bewegungsmeldern in den sanitären Anlagen. Das ist selbstverständlich. Doch auch das, was wir nach außen tun, wirkt ins Haus hinein. Dazu gehört, dass wir bei unseren Lizenznehmern weltweit internationale Sozialstandards garantiert haben wollen, ebenso, wie der Einkauf von Werbegeschenken oder Abo-Prämien darauf achtet, ob die Produzenten die uns wichtigen Richtlinien einhalten.

Wir beschäftigen uns aktuell sogar mit dem CO2 Footprint der digitalen Lesegeräte für unsere journalistischen Inhalte. Da gibt es ein Forschungsprojekt zusammen mit dem Umweltbundsamt und der TU Berlin, das weder vor der Hardware der Endgeräte noch vor dem Energieverbrauch der notwendigen Serverparks Halt macht.

Welche Auswirkungen hat Ihr Wirken denn auf das Haus?

Es hat sich über die Jahre ein grundsätzliches Bewusstsein zu Themen der Nachhaltigkeit entwickelt. Dort, wo wir früher intensiv diskutieren und anstoßen mussten, gehören Fragen der Ressourcen-Effizienz und Transparenz längst zum Alltag. Wie sehr das verinnerlicht ist, können wir alle zwei Jahre belegen mit unserem nach den Richtlinien der Global Reporting Initiative (GRI) erstellten Nachhaltigkeitsbericht. In den Antworten zu einem Drittel der 121 Fragen geht es darin um Themen zu Mitarbeitern und Gesellschaft.

Wird das von außen wahrgenommen? Wissen Leser von Bild und Hörzu von Ihren Anstrengungen?

Wir machen nicht explizit Werbung damit, dass wir die Umwelt achten. Unsere Leser gehen, denke ich, zu Recht vertrauensvoll davon aus, dass wir uns um diese Themen kümmern. Zur Zielgruppe der Nachhaltigkeitsmanager zählen aber in erster Linie Stakeholder wie beispielsweise Greenpeace, die die Fähigkeit haben, für uns relevante Themen auszulösen und mit denen wir uns, schon aus ureigenem Interesse an ständiger, verbessernder Innovation, im permanenten Dialog befinden.

Wen interessiert es draußen noch, welchen Wert Sie auf Nachhaltigkeit legen?

Unsere Werte sind von besonderem Interesse auch für Analysten, die uns als börsennotiertes Unternehmen beobachten. Da ist unsererseits Transparenz gefragt, denn sie haben lange Fragebögen, nach denen sie unser Unternehmen untersuchen.
Risiko-Analysten interessieren sich für unsere Nachhaltigkeitsthemen, weil wir damit belegen, dass die Prozesse in unseren Wertschöpfungsketten keine unangenehmen Überraschungen bergen.

Die Anlage-Analysten, ihrerseits, interessieren sich zunehmend für nachhaltige Kapitalanlagen, auch „ethische“ oder „socially responsible“  Investments genannt. Da die Zahl der so orientieren Anleger ständig steigt, ist es für unsere Investors Relations ein wichtiges Thema, entsprechend empfohlen zu werden.

Gelebte gesellschaftliche Verantwortung von Unternehmen, im Business-Sprech auch CSR genannt, gilt als Wert, der im Wirtschaftsleben zunehmend zum primären Unterscheidungsmerkmal von Unternehmen wird. Teilen Sie diese Ansicht?

Ich spreche lieber von CR,  Corporate Responsibility, unternehmerische Verantwortung, und verzichte gern auf das aus angelsächsischer Orientierung stammende und meiner Meinung nach einengende S für social in dem von Ihnen genannten Begriff. Was Unterscheidungsmerkmale angeht, so haben wir es im Bereich Nachhaltigkeit oft mit weichen, schwer abgrenzbaren Faktoren wie etwa Kultur und Haltung zu tun. Diese zu fördern und zu leben ist eine Sache, sie zu kommunizieren, da tun wir Nachhaltigkeitsbeauftragten uns schwer.

Sie beschreiben, wie sich das Nachhaltigkeitsmanagement inhaltlich von reinen Umweltfragen hin zu gesellschaftlichen Betrachtungen verändert hat. Nun ist Natur im Ranking des Werteindex zwar nach wie vor einer der wichtigsten Werte, um den sich Menschen sorgen, in der Bedeutung aber leicht gesunken, vom sechsten auf den neunten Platz. Dazu kommt die These, wonach es gilt, angesichts weiter schwindender Ressourcen einen Perspektivwechsel von der Nachhaltigkeit zur Resilienz, zur Widerstandsfähigkeit, vorzunehmen. Steht ein weiterer Wandel bevor?

Uns ist es schon immer auch um Übertragung von Verantwortung auf unsere Mitarbeiter gegangen. Journalistische Arbeit, für die unser Haus steht, ist immer auch Information, Aufklärung. Redaktionen haben die gesellschaftliche Diskussion befördert, die zu gewachsenem Bewusstsein für notwendiges, verantwortungsbewusstes Handeln jedes Individuums geführt hat. . Übertragung von Verantwortung nach innen ist ein wichtiger Unternehmenswert. Die kreative Fähigkeit der Mitarbeiter, Innovationsprozesse zu erdenken und sie unternehmerisch umzusetzen, steht bei Axel Springer ganz oben. Und die Tatsache, dass Innovationsimpulse Abteilungsübergreifend aus dem Unternehmen selbst kommen, ist sicher zu einem Teil auch dem gelebten Anspruch auf Nachhaltigkeit zu verdanken. Damit ist es uns gelungen, das früher verbreitete Silodenken aufzubrechen

Auch dies ist vermutlich nicht in Euro auszudrücken?

Alle Nachhaltigkeitsmanager der Welt würden sich über eine Methode freuen, die das könnte. Aber unsere Arbeit wirkt bei allem konkreten Tun eher auf weiche Faktoren. Andererseits kann damit auch ungeahnter Mehrwert entstehen. Ein Beispiel: Viele unserer Anzeigenkunden sind Unternehmen, die sich ebenfalls mit Fragen der Nachhaltigkeit beschäftigen. Hier ein kompetenter Gesprächspartner sein zu können, Knowhow weiterzugeben, ist, wenn Sie so wollen, auch ein ausgezeichnetes Marketingtool bei der Anzeigenakquise.

Da haben Sie ja noch einen Wert Ihrer Arbeit gefunden.

Und die Liste ist nicht am Ende. Denken sie etwa an den Gesetzgeber.

Was hat der damit zu tun?

Je nachhaltiger wirtschaftliches Handeln ausgerichtet ist, desto eher sind Fehlentwicklungen und Risiken zu begrenzen. Dort aber, wo es Krisen gibt, wo Defizite entstehen, Fehlverhalten zu Risiken führt, wird gern nach dem Regulator gerufen. Unser Bekenntnis zu unternehmerischer Selbstverantwortung braucht aber eher die entsprechende Freiheit als übermäßig viele, den Bewegungsspielraum einengende Verordnungen und Gesetze. Also tun wir gut daran, potentiell kritische Entwicklungen bereits im Entstehen zu entdecken und zu vermeiden.

Demnach wird es Nachhaltigkeitsmanager schon noch auf Dauer geben in den Unternehmen?

Ja, denn das Management von Nachhaltigkeit ist eine anhaltend knifflige Herausforderung und kein kurzfristiges Thema. Es geht um Vertrauen als eine fundamentale Voraussetzung für nachhaltige unternehmerische Wertschöpfung.

Das Gespräch führte Peter Heinlein.