Freiheit ist Autonomie. Thesen zum heutigen Begriff der Freiheit.

Von Peter Wippermann und Maria Angerer.

Seit über 60 Jahren leben Deutsche und Westeuropäer in Frieden und Freiheit. Presse-, Meinungs- und Religionsfreiheit sind selbstverständlich. Das freie Konsumangebot war noch nie größer. Alle gesellschaftlichen Gruppen haben sich das Recht erkämpft, ihr Leben nach den eigenen Wünschen zu gestalten. In einer derartig „freiheits-gesättigten“ Gesellschaft verändert der Begriff „Freiheit“ seine Bedeutung.

Die zunehmende Komplexität unserer Lebenswelt macht den Einzelnen abhängig von einer Gemengelage an Faktoren, deren Zusammenhänge nicht mehr erschließbar sind. Das Gefühl von Unsicherheit und Fremdbestimmung steigt. Institutionelle Strukturen, die bislang für Sicherheit und Stabilität (als Grundlage für Freiheit) standen, werden brüchig. Die Gegenstrategie ist, sich von Staat, Arbeitgeber und Konsum unabhängig zu machen. Die Sehnsucht danach, selbst bestimmen, machen und entscheiden zu können, steigt. Der Wunsch nach Autonomie wird zentral. So wie die Freiheit der eigenen Meinung in einer Reihe von „Freiheiten“ – von der Meinungs- über die Kunst-, Presse-, Religions- bis zur Versammlungsfreiheit resultierte, differenziert sich heute die Freiheit rund um die Kern-Idee der Autonomie. Politisch konnotiert ist der Begriff heute vor allem im Netz, wo gesetzliche Rahmenbedingungen erst verhandelt werden müssen.


I. Frei ist, wer handelt und umsetzt. Freiheit benötigt Pragmatismus.

Der Begriff der „Freiheit“ hat seit dem letzten Jahrhundert an Radikalität und Aufregung eingebüßt. Krisenhafte Gegenwart und Zukunftsperspektiven legen Pragmatismus nahe. Umsetzen und Handeln stehen im Vordergrund, nicht Träume und Visionen. Die Freiheit im Geist ist selbstverständlich geworden, jetzt geht es um die Freiheit im Tun. Ideale werden verhandelbar, damit der Implementierung nichts im Weg steht. Eine bessere Welt erschaffen? Lieber konkret am besseren Leben für sich und seine Freunde arbeiten. Außerdem erweiterte sich der Fokus der Freiheit vom einzelnen Individuum auf den Kreis seiner Freunde und Peers. Die Netzwerkökonomie und unsichere Zukunftsperspektiven machen gemeinsames Agieren entscheidend. Individuelle Freiheit wird zur Management- und Verhandlungsaufgabe.

II. Frei ist, wer für sich sorgen kann. Freiheit verlangt Eigenverantwortung.

Der Staat hat seine Souveränität verloren. Den Zwängen der Weltwirtschaft und der Krise unterworfen, kann er kaum die Rahmenbedingungen schaffen, damit der Einzelne sein Wohlstandsniveau halten kann. Wer kann, sorgt für sich selber. Ein Stück bewirtschaftbarer Grund erscheint das vernünftigere Investment als ein Aktienpaket. Das Bedürfnis danach, selbst für sich sorgen zu können, ohne dafür jemand anderen zu benötigen, steigt. Diese Eigenverantwortung benötigt individuelle Kompetenz. Das Bild vom autarken Leben am Hof oder in der Kommune ist Projektionsfläche für Sehnsucht nach Selber-Machen und Selber-Können, nach Unabhängigkeit von übermächtigen Institutionen und nach dem Gefühl, von den Ergebnissen der eigenen Arbeit leben zu können.

Aber niemand will sich gänzlich aus dem System ausklinken. Vielmehr geht es darum, punktuell kritische Abhängigkeiten zu vermeiden. Beim Gärtnern, Heimwerken und Sennen auf der Alm, aber auch wenn der eigene Solarstrom ins Stromnetz eingespeist wird oder über Crowdfunding eigene Projekte realisiert werden – hier wird Selbstwirksamkeit erlebt, die Fähigkeit, selbständig handeln zu können, unabhängig von übergeordneten Instanzen zu sein und einen Unterschied machen zu können. DIY-Projekte geben den Einzelnen ein Stück Macht und Kontrolle zurück, die ansonsten an globale, undurchsichtige Systeme abgegeben würde.

III. Frei ist, wer vertraut und wem vertraut wird. Freiheit basiert auf Sozialem Reichtum.

Vertrauen ist die Grundlage von Freiheit und autonomen Handeln. Die Selbstbestimmung betrifft nicht nur das eigene Handeln (Was mache ich?), sondern vor allem auch die Interaktionen mit dem Außen (Was mache ich mit wem?). Entscheidend ist, nicht einzelnen Akteuren ausgeliefert zu sein, sondern seine Partner selbst zu bestimmen zu können.

Wir wählen als Partner, wem wir vertrauen. Mit der Vernetzung des Einzelnen steigt auch seine Verwundbarkeit. Jede neue Verbindung bedeutet potentiell Abhängigkeit und Risiko. Der Mensch wird immer stärker auf das Wohlwollen, dass andere diese Verwundbarkeiten nicht ausnutzen, angewiesen. Nur ein Netzwerk, dem vertraut werden kann, bedeutet eine tatsächliche Erweiterung an Möglichkeiten und Handlungsspielraum. Wer nicht vertrauen kann, erlebt Zwang und Kontrolle.

Im Umkehrschluss gilt auch: Wer selbst Vertrauen genießt, kann freier und unabhängiger seine eigenen Interessen verfolgen. Wer am Wohlergehen des Anderen interessiert ist und offene Flanken nicht für den eigenen Vorteil nutzt, kann ohne Kontrolle und Restriktionen agieren. Individuelle Freiheit und gemeinschaftliches Wohl bedingen einander. Sozialer Reichtum ist der Nährboden für Freiheit.

IV. Frei ist, wer die richtigen Tools hat. Freiheit ist eine Frage der Technik.

Die Technik, im Alltag vor allem Netzwerkmedien, erweitern unsere Handlungsspielräume enorm. Sie sind essentielle Werkzeuge für den Konsumenten bei der Verfolgung seiner Interessen. Mit dem Smartphone hält der User die Fäden seines Lebens in der Hand. Der Einzelne bestimmt mehr denn je, indem er im Netz selbst Ideen teilt, aufgreift, weiterentwickelt und weiterentwickeln lässt. Hier finden sich Verbündete, mit denen an eigenen und gemeinsamen Zielen gearbeitet werden kann, unabhängig von finanzstarken Unternehmen oder herrschenden Politiker. Das haben der Arabische Frühling und der Crowdsourcing-Film Iron Sky gemeinsam.

Algorithmen werten User-Daten aus, erkennen den Willen des Nutzers und machen ihm gezielte Vorschläge für seinen nächsten Schritt. Sie erweitern seinen Horizont und vermitteln ihm mehr und bessere Möglichkeiten, um an sein Ziel zu kommen. Auch das Bedürfnis nach informationeller Selbstbestimmung gehört dazu. Die falschen Vorschläge und Angebote werden als Bevormundung und Einschränkung erlebt.

V. Frei ist, wer selektieren kann. Freiheit resultiert aus Flow-Control.

Noch nie gab es so viele Möglichkeiten, sein Leben zu gestalten. Die Optionsvielfalt wird für den Einzelnen zur Belastung und zum gefühlten Gegenteil von Freiheit. Jedes Angebot zwingt zu einem Bekenntnis: Will man oder will man nicht? Wer nicht selbst entscheidet, für den wird entschieden. Die Fülle an Dinge, die man nicht gewählt hat, hinterlässt ständig das Gefühl des Verzichts. Der Konsument wird von der Optionsvielfalt vor sich hergetrieben. Besonders, wenn er nicht weiß, was er will.

Dabei geht es nicht um die Selbsterkenntnis eines „wahren inneren Kerns“, den es zu verwirklichen gilt. Vielmehr geht es darum, seine vielfältigen, teils widersprüchlichen Interessen als Konsument, Mitarbeiter, Bürger, Shareholder erfolgreich umzusetzen. Wer scheinbar Widersprüchliches verbinden und Unwichtiges von Wichtigem unterscheiden kann, kann die Optionsfülle für sich nutzen anstatt bloß auf sie zu reagieren. Wer Flow-Control beherrscht, bleibt bestimmender Akteur und Gestalter.

VI. Frei ist, wer der Optimierungsfalle entgeht. Freiheit braucht Situative Intelligenz.

Unter dem Druck der Status-Angst strebt die Mittelklasse nach Selbst-Optimierung. Wer von der besten Schule über den schönsten Busen bis zum günstigsten Deal für den gesündesten Latte-Macchiato, immer das Beste sein oder haben muss, landet in der Optimierungsfalle. Stattdessen geht es darum, situativ und unabhängig von äußeren Benchmarks über Kosten und Nutzen zu entscheiden. Der hybride Konsument macht seit Jahren vor, wie die richtigen Prioritäten einen besseren Lebensstil ermöglichen. „Gut genug“ ist häufig die bessere Entscheidung und macht Ressourcen für andere Lebensziele frei. Entscheidend ist, auf die eigenen Ressourcen und Fähigkeiten zu vertrauen, auf alles Neue und alle Unsicherheiten adäquat reagieren zu können. Dazu gehört, die äußerlichen Bedingungen und ihren Wandel richtig zu deuten und daraus die passenden Schlüsse für das eigene Handeln zu ziehen. Situative Intelligenz schlägt jedes Bildungsranking.

FAZIT: Frei ist, wer handlungsfähig bleibt. Freiheit ist Resilienz.

Frei ist, wer sich seiner Interessen bewusst ist; wer kompetent, kompromissfähig und vertrauenswürdig ist; wer fähig ist, verlässliche Verbündete für gemeinsame Ziel zu finden; wer unabhängig von übergeordneten Instanzen ist; wer die Netzwerkmedien adäquat nutzen kann; wer fähig ist, veränderliche Bedingungen für sich zu nutzen. Frei ist, wer resilient ist.


Was das für Unternehmen bedeutet:

1. Eigene Autonomie wahren. Wer die Beziehung zu seinen Kunden erfolgreich gestalten will, muss Gestalter seiner eigenen Rahmenbedingungen bleiben. Unternehmen müssen ihre eigene Autonomie wahren und selbstbestimmt unternehmerisch handeln können – von der Unternehmensstrategie über die gesamte Wertschöpfungskette bis hin zur Unternehmenskommunikation. Nur dann kann das Unternehmen dem Kunden Vertrauenswürdigkeit beweisen und ihm als selbstbestimmter Partner auf Augenhöhe begegnen.

2. Auf Kunden wider Willen verzichten. Der Wunsch nach Freiheit und Autonomie des Kunden stellt Unternehmen einmal mehr vor die Herausforderung, auf die volle Kontrolle über den Kunden zu verzichten. Starre Vertragsbindungen, fehlende Kulanz bei Reklamationen oder unflexible Preispakete führen zu Kunden wider Willen. Dem Unternehmen bleibt allein, dem Kunden das beste Angebot zu machen und im ständigen Dialog zu sein. Die Beziehung zum Konsumenten muss als offene Beziehung gesehen werden: Wer dem Kunden alle Wege offen hält, darf hoffen, dass seine Seitensprünge kurz und bedeutungslos sind.

3. Auf Kontrolle über Produkte verzichten. Innovation im Netz funktioniert so gut, weil es seine Remix-Kultur gibt: man greift Ideen und Werke anderer auf, entwickelt sie weiter und lässt sie wiederum frei zur Adaption von anderen. Unternehmen können von dieser Kultur genauso profitieren, indem sie ihre eigenen Produkte so gestalten, dass sie von Nutzern selbst modifiziert, weiterentwickelt oder mit anderen kombiniert werden können. Produkte, die mit diesen Prinzipien nicht kompatibel sind, kämpfen zunehmend mit Akzeptanz. Aktive Unterstützung funktioniert in Form von Werkzeugen, Anleitungen und Plattformen.

4. „Enabler“ sein – seine Kunden befähigen. Zuerst gilt es, die eigentlichen Ziele seiner Kunden kennenzulernen und ernst zu nehmen. Hemmnisse, die den Kunden bislang zurückgehalten haben, müssen überwunden werden. Dafür muss die geeignete Unterstützung angeboten werden. Dabei geht es nicht nur um Produkte, sondern vor allem Services und digitale Tools. Wichtiger Aspekt dabei ist, die Kunden in der Entwicklung eigener Fähigkeiten zu fördern und optimierte Rahmenbedingungen für ihren Einsatz zu bieten. Das potentielle Spektrum dafür ist breit: von klassischen Kurs-Angebote über Web-Plattformen zur Vernetzung bis zum Coaching.

5. Zu den Guten gehören. Vertrauensvolle Unternehmen, die die Schwachpunkte ihrer Kunden (Stichwort: Daten, Vertragsbindung) nicht ausnutzen, ermöglichen dem Einzelnen tatsächlich mehr Handlungsspielraum. Der Verzicht auf Zwang und Kontrolle von Seiten des Unternehmens amortisiert sich über das so erworbene Vertrauen des Kunden. Wem seine Kunden prinzipiell vertrauen, kann in anderen Bereichen umso freier agieren.

6. Daten im Sinne der Kunden auswerten. Die Auswertung von Kunden-Daten soll in erster Linie den Kunden selbst zugute kommen. Die Maximierung des Nutzens für den einzelnen Kunden muss im Vordergrund stehen. Das sollte er auch mitbekommen, z. B. über individuelle Angebote für jede Situation statt zielgruppen-fokussierter Aktionen. Wer es nicht schafft, die Daten seiner Kunden nutzerzentriert auszuwerten, soll in Erwägung ziehen, auf die Datensammlung zu verzichten.


Vortrag von Peter Wippermann zum Thema