Interview mit Juliet Michaelson: “Im Zeitalter, in dem die wirklich wichtigen Dinge zählen.”

Die Londonder new economics foundation ist ein „think-and-do-tank“, der innovative Konzepte als Alternative zum Mainstream in Wirtschafts- und Gesellschaftswissenschaften entwickelt. Mit den National Accounts of Well-Being präsentiert sie einen alternativen Wohlstandsindikator, mit dem Glück, Zufriedenheit und Wohlbefinden in Ländern der EU gemessen und damit vergleichbar gemacht worden sind. Im Gespräch mit dem Werteindex erläutert Projektleiterin Juliet Michaelson, warum solche „Glücksindikatoren“ nicht nur für die Politik, sondern auch für Unternehmen relevant sind.

Welche Faktoren oder Dimensionen liegen Ihren Modelle zugrunde? Wie haben Sie diese identifiziert?

Als Hauptdimensionen von „well-being“ sehen wir einerseits, sich selbst gut zu fühlen, und andererseits, gut mit seiner Umwelt interagieren zu können („functioning well“). Beide Dimensionen werden von individuellen Ressourcen und äußeren Bedingungen bestimmt. Wir haben ein dynamisches Modell konstruiert, das beide Faktoren flexibel integriert [Anm. d. Red.: Die Wichtigkeit, die den beiden Faktoren in diesem Modell zukommt, kann flexibel bestimmt werden. Es ergeben sich je nach Gewichtung verschiedene Ergebnisse. Siehe Bericht, Seite 21]. Das Modell vereint verschiedene Ansätze zum Konzept des „well-being“, die zuvor in einem Bericht für das UK Department for the Environment erfasst worden sind.

Was waren die überraschendsten Ergebnisse? Welche erachten Sie für die wichtigsten für zukünftige politische Entscheidungen?

Es gibt einige Punkte, die ich persönlich für die wichtigsten halte:

Der Zusammenhang zwischen „well-being“ und Einkommen ist nicht linear, sondern entspricht einer Kurve. Sie verflacht ziemlich, sobald ein gewisses Einkommensniveau erreicht ist. Also gilt: Je mehr Geld man hat, desto weniger bedeutet mehr Geld noch zusätzliches Glück. Das legt nahe, dass wir unsere Ziele, die individuellen Einkommen zu maximieren, überdenken sollen – und stattdessen sicherstellen, dass möglichst viele Menschen jenes Einkommen haben, das ihnen relativ am meisten „well-being“ verschafft.

Außerdem wissen wir, dass enge Beziehungen zu Freunden, Familie und einem erweiterten Netzwerk entscheidend für das eigene Wohlbefinden sind. Wir wissen auch, dass die Menschen systematisch Fehler dabei machen, wie sie ihre Zeit verbringen, – oft im Glauben daran, dass Zeit zum Geld-Verdienen langfristig am meisten zum Wohlbefinden beiträgt. Die Politik ist angehalten, gesellschaftliche Strukturen und Anreize so zu gestalten, dass die Menschen mehr Zeit in ihre sozialen Beziehungen investieren.

Ein weiterer Punkt ist die Arbeitslosigkeit. Wir wissen, dass Arbeitslosigkeit dem „well-being“ abträglicher ist als der einfache Verlust des Einkommens. Aber auch die Qualität des Arbeitens und des Arbeitsplatzes hat sehr große Auswirkungen auf die persönliche Zufriedenheit. Daraus ergeben sich klare Ziele für die Politik, einerseits dem Kampf gegen die Arbeitslosigkeit höchste Priorität zu geben, und andererseits Unternehmen zu ermutigen, auch gute Arbeitsplätze zu schaffen.

Die Forschung hat gezeigt, dass Konsum über die basalen Bedürfnisse hinaus keinen klaren Zusammenhang mit dem persönlichen Wohlbefinden hat. Angesichts der Tatsache, dass wir ohnehin unseren Fußabdruck auf dem Planet reduzieren müssen, eröffnet diese Erkenntnis neue Perspektiven in der Förderung des Wohlbefindens, und zwar solche, die nicht auf den Verbrauch nicht-erneuerbarer Energien angewiesen sind.

Wie beeinflussen nationale oder kulturelle Unterschiede die Wohlstandsindikatoren? Sind in den verschiedenen Ländern verschiedene Variablen unterschiedlich wichtig?

In der Tat haben wir herausgefunden, dass die „Profile des Wohlbefindens“ von Land zu Land verschieden sind. Während z. B. Deutschland in allen acht Schlüsseldimensionen relativ gleichmäßig hoch punktet, zeigt Dänemark außergewöhnliche Spitzen in bestimmten Dimensionen, z. B. der „Abwesenheit negativer Gefühle“. Details zu diesen Unterschieden finden sich in unserem Report.

Was denken Sie über die aktuellen Bestrebungen von z. B. Frankreich, Großbritannien oder Deutschland ähnliche, alternative Wohlstandsindikatoren einzuführen?

Die Pläne sind ein sehr guter erster Schritt. Das gilt mit Sicherheit für Großbritannien. Sie unterstützen Regierungen, Entscheidungen zu treffen, die darauf basieren, was den Menschen wirklich wichtig ist. Um tatsächlich effektiv zu sein, müssen die erstellten Indikatoren den politischen Entscheidungsträgern, die sich mit den Themen im Detail befassen, aber auch ausreichend zusätzliche Informationen bieten können. Gleichzeitig werden kurze, prägnante Ergebnisse benötigt, die Öffentlichkeit und Politik sofort verstehen. Nur so kann die Öffentlichkeit Druck auf die Politik aufbauen, damit diese so arbeitet, dass sich tatsächliche Veränderungen im Wohlbefinden der Menschen messen lassen.

Was bedeuten solche Indizes für Unternehmen?

Aus dem wachsenden Interesse für alternative Wohlstandsindikatoren kann geschlossen werden, dass Konsumenten auch beginnen werden, Belege dafür zu fordern, dass Unternehmen von denen sie kaufen, auch einen positiven Beitrag zum Wohlergehen der Gesellschaft leisten. Jene Unternehmen, die sich bereits heute darüber Gedanken machen und das auch zeigen, werden im kommenden, neuen Zeitalter, in dem die wirklich wichtigen Dinge zählen, die Nase vorn haben.

Juliet Michaelson ist Forscherin und Projektleiterin im Centre for Well-Being des nef (new economics foundation). Sie ist die Leiterin einer Reihe von Projekten, die alternative Wohlstandskonzepte entwickeln, u. a. auch das Projekt der National Accounts of Well-being sowie den Happy Planet Index. Sie ist Autorin des letzten Beitrags der nef zur „UK national debate on well-being“. Außerdem ist sie an der Mitarbeit des nef in der überparteilichen Gruppe zur „Wohlbefindensökonomie“ im britischen Parlament (“All-Party Parliamentary Group on Wellbeing Economics”) involviert. Zuvor arbeitete Juliet Michaelson als Beraterin für den öffentlichen Dienst sowie als Sozialforscherin am National Centre for Social Research. Juliet Michaelson hat an der University of Cambridge sowie an der London School of Economics studiert.