Jakob Berndt/Lemonaid: „Mit dem fairen Handel tanzen gehen!“

werteindex.de spricht heute mit Jakob Berndt, Geschäftsführer und Mitbegründer von Lemonaid. Nachdem in diesem Blog bereits einige Experten über die Wichtigkeit werte-orientierter Unternehmens- und Markenführung gesprochen haben, erzählt Jakob Berndt aus eigener Praxis und Erfahrung als Social Entrepreneur.

Die Erfolgsgeschichte von Lemonaid und Charitea beginnt auf einer Party, auf der sich die zwei Gründer Paul Bethke und Jakob Berndt (wieder)getroffen haben und sich gemeinsam für die Idee von Lemonaid begeisterten. Der Rest ist Geschichte (und z. B. hier und hier dokumentiert).

Starten wir ganz allgemein: Was waren für Sie die Hauptbeweggründe Lemonaid zu gründen?

Mein Start mit dem Projekt fand vor dem Hintergrund eines Mangels an Werten statt. Ich habe mir in einer großen Werbeagentur hier in Hamburg den Kopf zerbrochen für Marken, deren Werte oder Position so gar nichts mit meinen eigenen zu tun hatten. 2008 kam mein ehemaliger Schulfreund und Kumpel Paul mit der Idee zu Lemonaid auf mich zu. Mit der Vision, ein Getränk auf den Markt zu bringen, das einen sozialen Beitrag leistet, hat er bei mir offene Türen eingerannt. Ich hatte einfach genug davon, 70 Stunden zu arbeiten, um mir zu überlegen, wie man noch mehr Atomstrom verkaufen könne. Die fehlende Synchronisation zwischen meinen eigenen politischen oder gesellschaftlichen Vorstellungen und meinem gelebten Arbeitsalltag hat mich zusehends angestrengt und frustriert. Es war von Anfang an klar, dass im Geschäftsmodell von Lemonaid ganz viele Werte drin stecken, für die es sich zu kämpfen lohnt.

Welche Werte sind das?

Soziale Gerechtigkeit ist ein ganz zentraler Bestandteil unserer Philosophie. Wir wollen einen kleinen Beitrag leisten, an der sozialen Schieflage der Welt ein bisschen zu rütteln. Aber dann gibt es wahrscheinlich auch noch eine Reihe anderer Begriffe, die unser Tun und die Motivation dahinterbeschreiben könnten. Fairness gehört sicher auch dazu. Für uns als Macher oder Gründer geht es zudem auch um Sinnhaftigkeit – dem  alltäglichen Tun mehr Bestimmung, mehr Sinn verleihen. Und das ist in unserem Fall in den Regionen, aus denen wir unsere Rohwaren beziehen, einen entwicklungspolitischen Beitrag zu leisten.

Sie haben alle schon Erfahrungen in anderen Unternehmen und Branchen. Was denken Sie, sind die wichtigsten Unterschiede in der Arbeits- und Unternehmenskultur zu ihrer aktuellen Situation?

Wenn ich hier gerade aus meinem Büroraum rausgucke, wo die anderen Jungs noch spat abends sitzen und diskutieren und machen und tun, fällt einfach auf, dass die Leute hier mit einer ganz hohen intrinsischen Motivation dabei sind. Alle, die hier arbeiten, machen das, weil sie zutiefst überzeugt vom Gesamtprojekt sind. Keiner ist des Geldes wegen hier, keiner ist der Karriereoption wegen hier oder weil seine Eltern ihm dazu geraten haben – sondern weil sie das richtig finden. Und wahrscheinlich auch, weil es Spaß macht hier. Der soziale Beitrag mischt sich schon mit anderen Sachen, die unsere Unternehmenskultur ausmachen: ein sehr junges Team; sehr kollegiales, freudvolles Arbeiten; viel Start-up-Atmosphäre. Und wir bemühen uns, das Thema „Fairer Handel“ relativ unverkrampft und – ja – freudvoll aufziehen. Wir versuchen den fairen Handel aus dem Reformhaus zu befreien und mit ihm tanzen zu gehen. Daher arbeiten die Leute, die bei uns sitzen, ja auch nicht für die GEPA oder andere Akteure aus dem Bereich, die genauso einen wichtigen Job machen. Hier ist alles ein bisschen jünger und spaßiger. Wir machen viel mit Kunst, Kultur und Musik; auf Veranstaltungen, Demonstrationen, Musikfestivals, an Orten, wo Leute aufeinander treffen, essen, trinken und Spaß haben. In diesem Kontext macht es dann auch Spaß, zu arbeiten.

Sie sind also nicht mit Bierernst an der Sache…

Mit Bier schon, aber nicht mit Ernst! Und weil es hier Spaß macht zu arbeiten, ist es uns auch gelungen, ganz tolle Leute an Bord zu holen.

Wie wählen Sie die Projekte aus, die Sie unterstützen? Sind das eigeninitiierte Projekte, oder solche, die sie einfach als Externer finanzieren?

Sowohl als auch. Allen gemeinsam ist, dass es kleine, lokale Projekte sind, die keinen Zugang zur großen klassischen Entwicklungshilfe haben. Wir entwickeln sie immer in enger Absprache und Kommunikation mit den Menschen vor Ort. Häufig sind das die Bauernkooperativen, mit denen wir als Rohstofflieferanten zu tun haben. Wir haben zum Beispiel in Paraguay gerade für vier Grundschulen in der Region Möbel und Computer finanziert. Mit den Bauern vor Ort haben wir definiert, dass die mangelnde Vorschul- und Primarschulbildung ein ganz großes Problem in der Region ist. Dort kommt kaum etwas von den staatlichen Geldern an. Wir haben gemeinsam „Problemschulen“ definiert und mit denen gemeinsam geschaut, wo der Schuh am meisten drückt. Das haben wir dann versucht, zu lösen.

Entwicklungsprojekte in fremden Ländern zu unterstützen, ist die bekannte soziale Schiene von Lemonaid. Inwiefern schlagen sich diese sozialen Motive auch lokal hier in Deutschland nieder?

Also das ist ein ganz elementarer Punkt. Lemonaid wird immer sehr auf Fair Trade und Entwicklungshilfe reduziert. Aber wir bemühen uns genauso, hier vor Ort als Arbeitgeber, als Produzent, genauso fair und nachhaltig aufzutreten. Werbemittel machen wir beispielsweise mit einer Behinderteneinrichtung hier in Hamburg, wo körperlich und geistig behinderte Menschen wieder in den ersten oder zweiten Arbeitsmarkt eingegliedert werden. Da sind wir mittlerweile einer der größten Auftraggeber. Es wäre sicher günstiger und schneller einfach irgendwelchen China-Ramsch zu bestellen. So achten wir bei allen Lieferanten, mit denen wir arbeiten, dass diese ähnlich orientierte Ziele verfolgen oder Werte vertreten. Dazu gehört natürlich auch, unseren Mitarbeiter vernünftiges Geld zu zahlen – auch Praktikanten und studentischen Hilfskräften. Und dass wir natürlich mit Projekten kooperieren, die wir unterstützenswert finden. Mit Slow-Food haben wir gerade Veranstaltungen zum Thema Lebensmittelverschwendung gemacht. Wir möchten uns in Bereichen kommunikativ einbringen, die ähnliche Ziele verfolgen wie wir.

Wie entscheiden Sie, was Sie für unterstützenswert halten? Haben Sie hier einen niedergeschriebenen Codex oder gibt es einfach ein informelles Einverständnis zwischen Ihnen?

Letzteres. Obwohl wir sicherlich den ganzen Wertekosmos und dieses gemeinsame Fundament an Überzeugungen und vielleicht auch Regeln und Handlungsanweisungen, die sich daraus ableiten lassen, konkret formulieren sollten. Das wäre sicherlich nicht schlecht. Gerade jetzt, wo wir als Team so wachsen. Im Moment herrschen hier immer noch mündlicher Austausch und gemeinsames Verständnis. Deswegen war eine Verschriftlichung bisher noch nicht so von Nöten.

Nun, die meisten Unternehmen haben es schriftlich, leben es aber nicht. Bei Ihnen scheint es genau umgekehrt zu sein.

Ja, vielleicht so ein bisschen. Aber ich hätte nichts dagegen, wenn wir uns die Zeit mal dafür nehmen würden. Aber es gibt immer so viel andere Sachen zu tun!

Was sind Ihre wichtigsten Learnings aus den ersten Jahren als “Social Enterprise”? Was können Sie ähnlich gesinnten Unternehmern raten?

Ach, das ist eine schwierige Frage, die wir oft gestellt bekommen. Eine Erkenntnis ist: Wir wären sicherlich nicht so weit gekommen ohne die Unterstützung ganz vieler Leute in unterschiedlichster Form: ihre Mitarbeit, ihre Ideen, indem sie weitererzählt haben, was wir hier tun. Lemonaid ist kein Reißbrettprojekt, sondern ein lebendiger Prozess. Dann war es auch wichtig, ganz doll festzuhalten an seinen Überzeugungen und so wenig Kompromisse wie möglich zu machen. Das haben wir zum Glück getan. Uns wurde oft gesagt: “Das kann man so nicht!”, und “Auf keinen Fall!“. Aber am Ende hat sich bewahrheitet, was wir für gut hielten.

Wie bekommt man diese Unterstützung, von der Sie sprechen? Inwiefern ist das einfach das Glück eines guten Netzwerks oder auch der Kraft der Idee gedankt?

Wir sind sehr unverblümt bis dreist an die Sache rangegangen. Wir haben einfach sehr viele Leute befragt und versucht zu begeistern. Obwohl am Anfang ganz viel noch nicht fertig war: Wir hatten keine Produktionsprozesse, kein Geld von der Bank, kein Design. Wir haben einfach schon mal Limonade gepresst, in große Kübel gefüllt und sind damit rausgegangen. Wir haben mit Gastronomen und Bio-Supermarktbesitzern gesprochen und Feedback eingeholt. Dadurch hat sich ganz viel ergeben. Es haben – teilweise bekannte – Gastronomen zugesagt: Das machen wir! Damit konnten wir wieder bei der Bank punkten. Ich glaube, man muss einfach ganz viel machen.

Und wir haben immer nur nette Leute an Bord geholt. Unser Team ist sehr organisch gewachsen und deswegen eine kleine Familie geworden. Da schließt sich der Kreis zum Thema „Werte“. Zum Beispiel im Vertrieb: Gastronomen sind ein sehr pflegebedürftiges Klientel. Aber wir haben deshalb nicht einen alten Vertriebshasen eingestellt, der schon 10 Jahre lang für Red Bull enorme Verkaufszahlen geliefert hat, sondern nur Leute, die die Werte teilen, die uns ausmachen. Die haben Philosophie studiert oder waren Soziologen, Fotografen, machen Mode, sind DJs oder was auch immer. Das ist bisher gut aufgegangen. Weil die Leute am Ende einen hervorragenden Vertriebsjob machen, wenn sie einfach das leben, was wir hier tun und was in dieser Limonade  steckt.

Das Gespräch führte Maria Angerer.