Johannes Gutmann/Sonnentor: „Beziehungspflege steht über Produktpflege.“

Im Gespräch mit www.werteindex.de spricht Johannes Gutmann, Gründer und Geschäftsführer von Sonnentor, Bio-Anbieter aus dem Waldviertel/Österreich und unter den Top 3 am deutschen Markt, darüber, wie gemeinsame Werte besonders auch dem lokalen Umfeld zugute kommen, wie man diesen Werten in starkem Wachstum treu bleiben kann und was unsere Wirtschaft davon noch lernen kann.

Herr Gutmann, aus welcher Motivation haben Sie Sonnentor gegründet?

Aus der persönlichen Krise der Arbeitslosigkeit und der Bedrohung der Abwanderung. Selbständig und bleiben oder unselbständig und abwandern. Durch die Selbständigkeit habe ich die wirklichen Werte der Region samt Möglichkeiten neu gesehen und verstanden.

Für welche Werte steht die Marke Sonnentor? Wie unterscheidet sich die Organisationskultur von anderen Unternehmen Ihrer Branche?

Die Marke Sonnentor steht für Kreislauf, für Gleichgewicht, für Leben und leben lassen, für Wertschätzung, für Freude und Sinn in der Arbeit und im Leben. Diese Werte werden täglich von der ganzen Sonnentor-Familie für Lieferanten und Bauern, für Vertriebspartner in der ganzen Welt und für uns selbst gelebt.

„Was Du nicht willst das man Dir tu, das füg‘ auch keinem anderen zu!“ – Danach sind wir organisiert und danach handeln wir auch. Wir haben viele ArbeitnehmerInnen über 50 Jahre eingestellt, die wo anders gekündigt wurden. Wir bieten vielen Frauen in der Kinder- und in der Altenbetreuung flexible Verpackungsarbeiten an, die in einem „freien Dienstnehmerverhältnis“ mit gutem sozialen Hintergrund abgesichert sind. Wir schaffen mit einfachen Verarbeitungsschritten in einer strukturschwachen Region viele Hand-Arbeitsplätze. Wir leben ein sehr hohes Maß an Eigenverantwortung im Umgang mit Klima- und Umweltschutz. Dafür wurden wir auch im letzten Jahr mit dem österreichischen Klimaschutzpreis für Landwirtschaft und Gewerbe ausgezeichnet.

Wie werden diese Werte gegenüber Lieferanten und Kooperationspartnern gelebt? Wie unterscheiden sich Ihre Geschäftsbeziehungen von denen anderer?

Wo bei anderen schon Verträge alles regeln, gilt bei Sonnentor noch der Handschlag, das Miteinander und die Wertschätzung. Verantwortung und Vertrauen schaffen ein hohes Maß von Emotionalität in die positive Richtung, in die Gemeinsamkeit und in der Umsetzung im Gemeinwohl. Wir agieren nicht nach Gewinnmaximierung um jeden Preis. Wir erzielen Gewinne, die wieder in das Unternehmen investiert werden und damit wieder allen Partnern in allen Ebenen zu Gute kommen. Sonnentor hat sich dem Biofachhandel verpflichtet und trachtet danach, diese Basis sauber zu halten. Wir produzieren beispielsweise keine Dauersortimente für Fremdmarken für den konventionellen Lebensmittelhandel, um Kapazitäten auszulasten.

Sonnentor wächst beständig und international, u. a. durch ein Franchise-Konzept. Wie stellen Sie sicher, dass Ihre Werte und Ihre Mission dabei nicht verwässert werden?

Beziehungspflege steht über Produktpflege. Wenn das Menschliche stimmt, dann kommt der Erfolg fast von allein. Laufendes Miteinander, laufende Änderungen und Verbesserungen sind die Folge, damit spüren wir uns und bleiben auch den Werten und der Linie treu, auch international. Auch wenn Sonnentor weiter wächst ist und bleibt unsere Philosophie und unser Markenkern der selbe. Unsere Werte müssen auch von unseren neuen MitarbeiterInnen verstanden,  getragen und weiter vermittelt werden. Dazu bauen wir eine eigene Sonnentor-Akademie für laufende Schulungen auf.

In den letzten Jahren entdecken immer mehr Marken die Werte soziale und ökologische Nachhaltigkeit, Authentizität und Regionalität für sich. Wie kann man dennoch innerhalb dieser Wertefelder einmalig und unverwechselbar bleiben?

Greenwasher oder Trittbrettfahrer werden schnell erkannt und haben im Tun keinen langen Atem. Sie fallen sehr schnell in die alten Verhaltensmuster zurück. Ein schön gedruckter Prospekt ersetzt keine wirkliche Geisteshaltung und enttäuscht schnell. Wer es allerdings wirklich ernst meint, ist höchst willkommen und wird genauso erfolgreich werden. Wir vergönnen dies jeder Organisation und Jedem!

Was können andere Unternehmen bzw. unser Wirtschaftssystem – insbesondere in der aktuellen maroden Lage – von Sonnentor lernen?

Kein Wachstum in Gier, Macht und Gewinnsucht. Das Gute setzt sich langfristig immer durch. Demut und Wertschätzung im gegenseitigen Umgang. Nicht oben sitzen und nach unten treten. Gerade Zeiten wie diese eröffnen unendlich viele Chancen in der Veränderung, in den Vertrauenskrisen, in der Enttäuschung. Es gibt täglich viele Möglichkeiten, etwas anders zu tun, anders zu reden, einfach etwas zu ändern und dann verändern Sie damit auch im Umfeld und ihre Umwelt.

Zur Person:

Johannes Gutmann wurde 1965 in Zwettl im Waldviertel geboren. Er wuchs als jüngster Sohn von fünf Kindern einer Bauernfamilie in Brand auf und entdeckte schon früh seine Leidenschaft für die Natur und Kräuter. Nach der Matura an der Handelsakademie in Zwettl zog es ihn nach Wien, um dort Handelswissenschaften zu studieren. Nach zwei Wochen war für ihn jedoch klar, dass sein Platz im Waldviertel war. Er packte seine Sachen und ging zurück in die Heimat, wo er seine erste Berufserfahrung bei der Brauerei Zwettl und dem Waldviertel Management sammelte. Sein Weg brachte ihn vom Bierverkäufer und Reiseleiter hin zum Koordinator für landwirtschaftliche Sonderkulturen und zur Grundsteinleger der Marke „Waldland“. Als sein vom Land NÖ geförderter Arbeitsvertrag auslief und er nicht übernommen wurde, blieb ihm keine andere Wahl, als sich selbstständig zu machen und so gründete er am 1.8.1988 SONNENTOR. Mittlerweile hat sich das Unternehmen vom Einmannbetrieb zum internationalen Bio-Unternehmen mit Standort in Sprögnitz bei Zwettl, Tochterfirmen in Tschechien, Albanien und Rumänien mit insgesamt rund 200 Mitarbeitern entwickelt. Seine ersten Bio-Vertragsbauern, die für ihn schon vor 22 Jahren Kräuter anbauten, halten SONNENTOR nach wie vor die Treue. Sie sind mit einander gewachsen. Seine Liebe gilt seinen beiden Kindern aus erster Ehe sowie seiner lieben Frau Edith und dem gemeinsamen Nachwuchs Lea Mathilde,  seinen Hobbys – dem Stöbern am Flohmarkt nach altem Werbematerial, Flaschen und Krimskrams für die nächsten SONNENTOR Franchise Partner – und dem Wandern.