Jugendforscher Thomas Gensicke: “Der neue Idealismus ist grün-konservativ.”

Seit den 1950er-Jahren werden Sichtweisen und Stimmungen von Jugendlichen im Auftrag der Deutschen Shell AG von verschiedenen Forschungsinstituten (seit 2002 von TNS Infratest Sozialforschung München dokumentiert. Die Shell Jugendstudie wurde 2010 zum 16. Mal herausgegeben. Sie versteht sich nicht nur als eine aktuelle Sicht auf die Jugend, sondern will auch gesellschaftspolitische Anstöße geben.

Dr. Thomas Gensicke zeichnet seit 2002 verantwortlich für die Themenfelder „Werte und Religiosität“. In diesem Artikel fasste er wichtige Ergebnisse der letzten drei Studien zusammen. www.werteindex.de stand er für weiterführende Fragen Rede und Antwort.

Wichtige Ergebnisse von 2010

  • Jugendliche sind gesellschaftlich interessiert und kritisieren gesellschaftliche Missstände. Auch ökologisches Problembewusstsein ist vorhanden, aber nicht mehr so intensiv und exklusiv wie noch in den 1980er Jahren. Ganz besonders wichtig sind den Jugendlichen die Themen Arbeitsmarkt, Ausbildung und Bildung, die sie unmittelbar betreffen.
  • Die „pragmatische Generation“, wie sie die Shell Jugendstudie im Moment nennt, ist äußerst leistungsorientiert (83% finden es wichtig, „fleißig und ehrgeizig“ zu sein). Allerdings gibt es auch eine sehr hohe Genuss-Orientierung. In den 1980er Jahren dominierte in Westdeutschland allerdings der Genuss noch die Leistung, heute steht beides in einem gewissen Ausgleich. Beruf und Karriere sollen auch heute nicht die anderen Aspekte des Lebens untergeordnet werden.
  • Die vom links-intellektuellen Establishment immer noch  angezweifelten „Sekundärtugenden“ (O-Ton Oskar Lafontaine in den 1980er Jahren) Ordnung, Sicherheit und Fleiß stehen bei der Jugend seit den 1990er Jahren wieder  in voller Blüte. Zusammen mit ihrer Sozialmoral („Es muss heute für alle Menschen verbindliche moralische Maßstäbe geben, sonst kann unsere Gesellschaft nicht funktionieren.“) kann dies auch als Widerstand gegen eine Tendenz zur Beliebigkeit („Libertinage“, moralische Korruption) verstanden werden.
  • Die „kleinen sozialen Netze“, vor allem die Familie, der Lebenspartner und die Freunde, sind für Jugendliche noch wichtiger geworden. Hier lassen sich ihre Werte am besten leben. „Im Leben braucht man Menschen um sich herum, denen man unbedingt vertrauen kann.“ Dem wird sehr stark zugestimmt. Engagement in sozialen Beziehungen sowie für das Gemeinwesen ist bei vielen vorhanden, aber auch pragmatisch orientiert: Jugendliche erwarten einen persönlichen Nutzen davon.
  • Die meisten Jugendlichen interpretieren Werte vor allem von einem individuellen und rationalen Standpunkt aus: „Was sind Werte für mich? Was bringen sie mir?“ Ein transzendentes Werteverständnis (Werte „als solche“ und „an sich“ zu schätzen) ist weiter im Rückzug begriffen. Damit steht die heutige Jugend in der Tradition der Vorgängergenerationen, also in einer „Tradition des Vergessens der Tradition“. Ein gewisses Bedürfnis, aus dieser Falle des Zweckrationalen herauszukommen, ist allerdings zu erkennen.
  • Für die Shell Jugendstudie wurden seit 2002 alle 4 Jahre bundesweit 2.500 Jugendliche im Alter von 12 bis 25 Jahren befragt.

Bevor wir über die konkreten Ergebnisse der aktuellen Shell Jugendstudie sprechen, eine allgemeine Frage zur Jugendforschung: Was kann im Blick auf die Jugend über den Rest unserer Gesellschaft gesagt werden? Und was über ihre Zukunft?

Die Jugend ist der Spiegel der Gesellschaft, ihrer Vorzüge, aber auch ihrer Mängel. Nichts gegen die Pragmatik (Handlungsorientierung) der heutigen Jugend. Wird daraus jedoch Pragmatismus, ist das ein kritisches Signal. Die Politik redet von Werten, beschönt aber (bei ihren eigenen Leuten) den Betrug als Kavaliersdelikt und unsere christ-parteiliche Staatschefin freut sich öffentlich über die Tötung von Feinden. Diese Moralvergessenheit ist keine gute Vorlage, schon gar nicht jene Pleite-Banker, die sich ohne Schuldbewusstsein vom Steuerzahler raushauen ließen. Sie sind schon wieder dabei, unser Gemeinwesen in den Abgrund zu reißen (man lässt sie einfach weitermachen). Typisch für die heutige Jugend ist jedenfalls, das eigene Leben optimistisch zu nehmen, aber das große Ganze skeptisch zu sehen.

Ein Ergebnis der Studie 2010 ist, dass Jugendliche zunehmend ihre „kleine sozialen Netze“ wie Familie und Freunde schätzen. Woher kommt dieser Bedeutungszuwachs?

Die sozialen Beziehungen sind Nest, Hafen und Ankerpunkt in einer unsicheren und flexiblen Welt. Das ist ganz vernünftig gedacht. In Zukunft werden wir uns alle noch freuen, wenn wir solche funktionierenden Beziehungen haben. Die große Ebene der Welt und der Gesellschaft erscheint den Jugendlichen teils bedrohlich, teils moralisch zweifelhaft. Auch deshalb das Vergewissern im überschaubaren Raum des Sozialen. Ohne Konflikt mit der Generation der Eltern, die ja auch so überaus nett und verständnisvoll ist (darunter viele ziemlich konservativ gewordene Spät-68er) ist das natürlich einfacher zu machen. Die Eltern sind mehr der Sicherheit gebende Hintergrund, das wirklich Wichtige passiert in den Freundeskreisen.

Für Jugendliche werden die „Sekundärtugenden“ wie Fleiß und Ordnung wieder wichtiger. Diesen Fokus interpretieren Sie auch als Auflehnung gegen den ausgeprägten Liberalismus der Vorgänger-Generationen. Wo sehen Jugendliche diese Sehnsucht nach Recht und Ordnung bedient?

Fleiß und Ehrgeiz beziehen sich auf das Bestehen in einer Leistungswelt, die man trotz ihrer Mängel im Grundsätzlichen akzeptiert. Das ist das Neue an dieser Generation, die wir seit Mitte der 1990er ansetzen. Dieser Zug verbindet sie mit der „Skeptischen Generation“ Schelskys der 1950er und 1960er Jahre. Ordnung drückt das Bedürfnis nach dem Geregelten, Verlässlichen und nach Moral aus, Dinge, bei denen sich die Jugendlichen im öffentlichen Raum oft genug frustriert sehen. Laissez-Faire und Beliebigkeit gibt es allzu viel (das ist der Unterschied zu den 1950ern und 1960ern), gefragt sind feste moralische Leitplanken. Wirklich gefunden werden kann das alles nur im Kleinen, für einige auch in der mittleren Ebene der Zivilgesellschaft.

„Überlieferte Werte-Bestände werden in modernisierter Form mit den neuen Werte der Selbstentfaltung und der Humanität verknüpft bzw. in einen Ausgleich gebracht.“, heißt es in Ihrem Artikel. Was wäre ein Beispiel dafür?

Das ist einfach: Hart arbeiten (in der Schule, in der Ausbildung, im Beruf, im Sport) und trotzdem Spaß und Party haben. Geld zurücklegen und sich doch ein wenig Luxus leisten. Gutes tun, aber dabei auch an die eigenen Interessen denken. In guten Beziehungen leben, aber auch auf seine Freiräume achten.

Jugendliche interpretieren Werte in einem pragmatischen Blickwinkel. Übergreifende, quasi-religiöse Wertvorstellungen gibt es immer weniger. Inwiefern kann diese Perspektive wieder tiefgehender gestaltet werden? Was müsste dafür geschehen?

–Da sehe ich vorläufig wenig Chancen. Unsere Gesellschaft wird zu sehr durch kurzfristiges Denken regiert, historischer und ganzheitlicher Sinn fehlt, der schnelle Erfolg zählt, egal mit welchen Nebenwirkungen. Statt weniger Autos noch mehr Autos, jetzt elektrische. Völlig veralbern lassen sich die Leute allerdings auch nicht. Dem Schwindel mit der „Umweltprämie“ gingen sie nicht auf den Leim, die Sache blieb für sie, was sie war, eine Abwrackprämie. (Viel ökologischer wäre es gewesen, die alten Autos weiter zu fahren.) Die Jugend ist an diesen Verhältnissen am wenigsten schuld, aber was soll sie machen? Bis vor Kurzem mussten sie sich wer weiß wie abstrampeln, um einen halbwegs sicheren Job abzubekommen. Das wird jetzt anders, junge Leute werden knapp. Vielleicht wächst auf dieser entspannten Basis eine neue Generation nach, die sich gegen den Pragmatismus auflehnt, Zeit wäre es.

Das Internet prägt u. a. auch die Jugendkultur maßgeblich. Inwiefern schlägt sich der Einfluss des Internets in den Werte-Einstellungen der Jugendlichen nieder?

–Im mittleren und gehobenen Milieu eher wenig. Dieser Hype wird doch künstlich hoch geredet. Er ist ein gutes Beispiel für das Kennzeichen unserer Zeit, in der die Mittel zu Zwecken gemacht werden (Werner Sombart). Was uns helfen soll, raubt uns die Aufmerksamkeit und die Zeit für das wirklich Wichtige. Wer der Virtualität verfällt, dessen Leben verfällt. Verbringe ein paar Tage in der Wirklichkeit, junger Mann aus der unteren Mittelschicht! Weniger wäre mehr, das werden auch immer mehr Jugendliche begreifen, einige sehen das jetzt schon so. Früher wurde man unfreiwillig ausspioniert, heute lassen es viele freiwillig zu – irgendwann wird dem Letzten der Groschen schon noch fallen! Nichts gegen Facebook & Co. als Mitteln der Selbstvermarktung, aber alles gegen diese peinliche und gefährliche  Selbstentblößung.

Seit den 2000er-Jahren zeigt die Shell Jugendstudie das Bild der Jugendlichen als „Pragmatische Generation“. Inwiefern zeichnet sich hier eine weitere Entwicklung oder eine Wende in dieser Grundeinstellung ab?

„Prognosen sind bekanntlich schwierig, besonders wenn sie sich auf die Zukunft beziehen.“ Ist dieser lustige Spruch eigentlich auch von Churchill? In der Tat wäre es Zeit für einen neuen Idealismus, vielleicht führt die wachsende Einsicht in den Irrsinn einer sich immer erfolgreicher ausplündernden und selbst zerstörenden Welt dazu? Folgt dem neuen Familien-Hype ein neuer Kinder-Hype? Ich würde vermuten, dass ein neuer Idealismus einen ziemlich grün-konservativen Charakter haben wird, anders als der linke Idealismus der 68er. Umweltschutz heißt ja bei den Engländern „Conservation“. Tradition, Ordnung, Sicherheit, Respekt, Familiensinn, Wirklichkeit, Echtheit, Qualität, Kooperation, Toleranz usw. scheinen mir die Werte der Zukunft zu sein. Mäßigung ist die Devise. Ein starker Staat, der die kleine und mittelständische Wirtschaft fördert und die Macht der Großkonzerne eindämmt; starke soziale Institutionen, die die Menschen einbinden. Dieser „New Deal“ wird aber erst nach dem großen Crash möglich sein, der nicht mehr weit ist. Aus diesem Crash wird man sich nicht mehr mit Gelddrucken herausmogeln können.

Welche „Handlungsempfehlungen“ lassen sich aus den Ergebnissen für die aktuelle Politik ableiten? Welche Denkanstöße legen sie unserer Gesellschaft bzw. den intellektuellen Eliten nahe?

Sich rechtzeitig auf den Crash einstellen, damit man in der kommenden großen Depression brauchbare Ideen hat, wie man wieder nach oben kommt. Uns wird es nicht ganz so stark erwischen, weil wir noch etwas Reales herstellen, weil wir eine arbeitsame Bevölkerung haben, deren Weltanschauung noch nicht der Kredit oder die Kreditkarte ist (weswegen uns die Chinesen vertrauen). Sich vom Einfluss der Großkonzerne lösen (vor allem die aufgeblähte Finanzwirtschaft eingrenzen). Mittel- bis langfristig und ganzheitlich denken. Weg mit dieser Einbildung, wir wüssten wegen dieses elektronischen Firlefanzes heute alles besser. Sich der Tradition, der eigenen Kultur vergewissern. Sich auf das Wertvolle im Leben konzentrieren. Sich von den Amerikanern fernhalten (wenn sie von uns lernen wollen, sind sie willkommen). Gute Beziehungen zu den Chinesen und Russen pflegen. Die aufstrebenden Mächte ökologisch und sozial bestärken. Sich aus dem Weltkrieg um die Rohstoffe raushalten.

Vielen Dank für das Gespräch!

Zur Person:

Dr. Thomas Gensicke arbeitet als Senior Projektleiter im Bereich „Familie und Bürger- gesellschaft” bei TNS Infratest Sozialforschung GmbH. Seine Forschungsschwerpunkte sind empirische Einstellungs-, Werte- und Kulturforschung, öffentliche Beteiligung und freiwilliges Engagement, Jugendforschung und Besonderheiten der neuen Bundesländer.