“Man fordert als Wert, was man am meisten vermisst.”

Norbert Bolz, Medientheoretiker und Urheber des Wertekanons, der dem Werte-Index zu Grunde liegt, erklärt im Interview, welche Werte in der Netzwerkökonomie wichtiger werden – und wie sich der Wertewandel selbst verändert hat.

Welchen grundlegenden Wertewandel können Sie in unserer Gesellschaft beobachten? Welche Werte werden in der Netzwerkökonomie wichtiger? Oder entstehen vielleicht sogar neue Werte?

Nein, neue Werte können prinzipiell nicht entstehen. Der Wertehimmel ist schon seit 100 Jahren ganz gut bekannt. Aber die Akzente werden natürlich immer wieder neu gesetzt. Eine der ganz großen Verschiebungen geht in Richtung Transparenz, in Richtung Ehrlichkeit, Aufrichtigkeit und Vertrauenswürdigkeit. Das sind ganz wesentliche Zentralwerte der letzten Jahre. Sie rücken deshalb in den Mittelpunkt, weil sie Übersichtlichkeit, Orientierung und Sicherheit verleihen sollen, in einer Welt, die als immer komplexer empfunden wird. Man fordert als Wert, was einem als Orientierungsmarker am meisten fehlt. Werte sind heute fast alle mit Vermissungserlebnissen akzentuiert. Was man am meisten vermisst, wird am höchsten bewertet. Werte werden eher aus einem Mangelerlebnis heraus gefordert.

Kann man von diesem Mangelerlebnis auf einen allgemeinen Verlust an Werten schließen?

Das würde ich so nicht sagen, dass es einen Mangel an Werten gibt. Nur einige Werte haben einen anderen Akzent, weil sie in unserer Alltagswirklichkeit nicht repräsentiert werden. Denken Sie nochmals an Transparenz: Wenn man in einer Welt lebt, deren Hochkomplexität den Einzelnen überfordert, wenn man das Gefühl hat, gewissermaßen betrogen und hinters Licht geführt zu werden, dann wächst die Sehnsucht nach Durchsichtigkeit. Ich möchte es verstehen, ich möchte es durchblicken. Es ist nicht so, dass dieser Wert vergessen gewesen wäre, aber er war jahrhundertelang hinter scheinbar viel vordringlicheren Werten zurückgetreten. Ich sehe die Werte in einer Art Karusell. Nach einer gewissen Zeit, wenn sich das Karusell einmal um die eigene Achse gedreht hat, tauchen die Werte, die scheinbar verschwunden waren, wieder auf. Und viele andere Werte geraten wieder in den Hintergrund, aber das heißt nicht, dass sie ganz verschwinden oder untergehen.

Können Sie einen Wert nennen, der in den Hintergrund geraten ist?

Beispielsweise das Waldsterben, die Rettung des deutschen Waldes. Davon spricht ja kein Mensch mehr, obwohl sich an den Daten eigentlich wenig geändert hat. Oder denken Sie auch an solche Dinge wie Vollbeschäftigung, die im Zeitalter von hoher Sockelarbeitslosigkeit lange Zeit ein Spitzenwert war. Es gibt sehr viele pragmatische Werte des Alltags, die je nach Stimmungslage oder politischer Lage ganz vorne liegen oder wieder vergessen werden. Auch diese aktuelle Atomangst – das hat man fast jahrzehntelang komplett vergessen und mittlerweile steht sie wieder absolut im Zentrum – zumindest in Deutschland. Das sind solche Akzentverschiebungen. Keine dieser Ängste oder keiner dieser Werte oder Sehnsüchte war ganz abgestorben, aber sie treten immer wieder in den Hintergrund und andere dominieren das Feld.

Geht der Wertewandel in unserer vernetzten Gesellschaft anders von statten als früher?

Auf jeden Fall geschwinder! Das ist sicher richtig. Die Werte werden auch nicht mehr vorgelebt. Früher wurden die Werte einer Gesellschaft von den dominierenden Schichten – wie in den ständischen Gesellschaften etwa der Adel – vorpraktiziert und vorgelebt. So etwas gibt es heute eigentlich nicht mehr.

Heißt das, dass Werte vielmehr an der Basis oder in Subkulturen besetzt und geprägt werden?

Diese Einschätzung kann ich nicht teilen. Das verwechselt Trends mit Werten. Ich wüßte keinen einzigen Wert, der aus einer Subkkultur heraus geboren wäre. Werte haben alle das Charakteristikum eines hohen Maßes an Traditionalismus. Freundschaft, Sicherheit, Vertrauen – das sind alles Begriffe, mit denen man Konservativismus assoziiert. Und in der Tat sind die Werte konservativ – was natürlich nicht heißt, dass nicht auch politisch linke Positionen daran anknüpfen können. Das ist nicht unbedingt ein Widerspruch. Aber Werte haben alle die Solidität des Bürgerlichen und alles andere würde ich unter anderen Rubriken diskutieren, wie zum Beispiel Trends oder Moden.

Im Werte-Index 2009 fiel auf, dass der Wertebegriff “Freiheit” vor allem im Zusammenhang mit dem Internet diskutiert wurde. Die Argumente waren geprägt der Open-Source-Bewegung, die zumindest in ihren Anfängen sicherlich nicht dem Mainstream entsprach.

Worauf diese Open-Source-Bewegung zurückgreift ist eigentlich auch eine sehr traditionelle Vorstellung: nämlich jene der Freiheit der öffentlichen Güter. Das Internet wird von den Fans als eine Art gigantisches öffentliches Gut interpretiert. Im Gegensatz zu den proprietären Denkern der Internetwelt, die daraus ein gigantisches Geschäft machen wollen. Auch diese Antithese spielt sich in sehr vertrauten Traditionen ab. Im Grunde genommen setzt die Open-Source-Bewegung genau da an, wo die Bewegung der Pressefreiheit oder der Meinungsfreiheit im 18. Jahrhundert das getan hat. Und sie verstehen sich auch in dieser Tradition – gerade in Amerika mit der Free-Speech- und First-Amendment-Bewegung. Dieses libertäre Denken wird von superintelligenten Figuren propagiert, die eher eine Elite oder eine Avantgarde darstellen. Sie sind an der Spitze einer Bewegung, die aber, denke ich, uns alle betrifft.

Norbert Bolz lehrt am Institut für Sprache und Kommunikation der technischen Universität Berlin. Von 1992 bis 2002 war er Professor für Kommunikationstheorie an der Universität Duisburg/Essen. Er beschäftigt sich mit der Frage wie technologische und ökonomische Veränderungen kulturell antizipiert werden. Für den Werte-Index verantwortet er den Wertekanon, der der Analyse zugrunde liegt.