Marc Schüling/TRENDBÜRO interviewt Mirko Kaminski/achtung!: „Der Wert Sicherheit wird in den kommenden Jahren wieder stark an Bedeutung gewinnen.“

Marc Schüling, Geschäftsführer von TRENDBÜRO, spricht für www.werteindex.de mit Mirko Kaminski, Gründer und Inhaber von achtung!, über den intensiver gewordenen Werte-Diskurs. Dabei geht es um den wichtigen Unterschied zwischen Anführern und Führungskräften, das tägliche Ringen um Unternehmenswerte und -kultur, sich häufig reibende Werte und die Tatsache, dass der Wert Sicherheit in Kaminskis Augen eine Renaissance erleben wird.

Herr Kaminski, Sie sind gerade wieder von Fehmarn zurückgekehrt, wo Sie sich nicht nur dem Angeln, sondern auch dem aktuellen Werteindex gewidmet haben. Ich hoffe, Sie konnten für sich ein paar neue Inspirationen und Gedanken an Land ziehen! Was hat Sie beim Werteindex 2012 am meisten überrascht?

Der Umfang und der Facettenreichtum haben mich überrascht. Heute wird – so mein Eindruck – mehr und dezidierter über Werte gesprochen und diskutiert als noch vor 15 oder 20 Jahren. Gleichzeitig scheint es mir eine große Unsicherheit bezüglich der Frage zu geben, welches eigentlich unsere gemeinsamen Werte sind. Das meint: Die uns in Deutschland verbindenden Werte. Die Werte in unserem Land sind erst christliche, dann christlich geprägte gewesen. Die Aufklärung hat ihren Beitrag geleistet. Und heute? Wir sind in Deutschland eine arg heterogene Gesellschaft geworden – mit sich atomisierenden Gruppen, Strömungen und Werte-Inseln. Vielleicht ist dies ja auch ein Grund dafür, dass „Gemeinschaft“ von Platz 10 auf Platz 4 gesprungen ist. Es wirkt so, als gäbe es da eine große Sehnsucht.

Wenn ich da gleich mal einhaken darf: Woran machen Sie bei Ihrer täglichen Arbeit mit Kunden konkret fest, dass „mehr und dezidierter“ über Werte gesprochen und diskutiert wird? Schildern Sie uns doch bitte ein Beispiel aus der Praxis.

Es sagt natürlich niemand: „So, jetzt wird mal schön über Werte diskutiert.“ Es geht aber mehr als vor 15 oder 20 Jahren um substanzielle Informationen über Charakteristika, Bedürfnisse, Ansprüche, Affinitäten und Ängste von Ziel- bzw. Dialoggruppen. Und überall schlagen sich Werte nieder. Es braucht solide Erkenntnisse, um darauf wirksame Kommunikation fußen lassen zu können. Es braucht heute mehr Wissenschaft und weniger Bauchgefühl. Kommunikation hat sich stark professionalisiert.

Sie sind als ehemaliger Radiomoderator ja ein Mann des offenen und vor allem deutlichen Wortes, was man in regelmäßigen Abständen in Ihrer YouTube-Serie „Auf ein Wort vorm Regal“ bestaunen kann. Welches war der für Sie persönlich wertvollste Beitrag aus dieser Serie und verraten Sie uns doch bitte warum.

Das erste Video von „Auf ein Wort vorm Regal“ – ich stelle immer spontan mein iPhone ins Büroregal, mich davor und dann geht’s los – ist das für mich wertvollste gewesen. Es ging am 8. Juli 2011 hier „on air“. Darin spreche ich darüber, dass „Anführer“ wertvoller sind als „Führungskräfte“. Es ist aber nicht das Thema, das dieses Video zu meinem Liebling macht. Es ist schlicht das erste Video dieser Reihe gewesen und hat unmittelbar viel Feedback erzeugt – mittels E-Mail, Direktnachrichten via Twitter und Facebook sowie auch Anrufen. Diese erste Resonanz hat mich darin bestärkt, weitere Videos zu drehen und über Themen zu sprechen, die mich bewegen. Ich habe schlicht gemerkt, dass diese Themen auch viele andere beschäftigen.

„Anführer statt Führungskräfte“, das klingt wie ein Spontispruch an den Wänden urbaner Ballungsräume und es klingt sehr spannend! In ihrem ersten Video erwähnen Sie auch eine „Führungsfibel“, um gleichzeitig – sagen wir mal „offen“ – in der weiteren Ausführung zu bleiben… Mich würde aber schon interessieren, welche Werte ein Anführer in Ihren Augen verinnerlichen und verkörpern muss, um mehr zu sein als eine Rolle im Organigramm?

Ein Anführer will nicht nur sein persönliches Ziel, sondern das Beste mit seiner und für seine Mannschaft erreichen. Das spürt und weiß die Mannschaft schnell. Man muss das gar nicht weiter definieren. Jeder merkt rasch, ob sein Gegenüber ein Anführer ist oder nur jemand, der irgendwie von irgendwem wegen irgendwas auf diese Stelle befördert wurde. Leider gibt es weit weniger Anführer als Führungskräfte. Unsere Führungsfibel ist übrigens öffentlich. Die findet man hier.

Und was zeichnet den Anführer Mirko Kaminski aus?

Ist schon schwierig, sich da selbst zu betrachten. Ich glaube aber, ein wichtiger Punkt könnte sein, dass ich meine Leute hier bei achtung! wirklich mag. Ich habe sie nie als Mittel zum Zweck oder gar Werkzeug gesehen. Ich fände toll, wenn möglichst viele nach dem Ende ihres Berufslebens sagen: „Ich habe viel erlebt und vieles war toll. Aber zu meinen besten Zeiten gehörte die bei achtung!.“

Wo wir schon bei persönlichen Werten sind, welches ist denn für Sie ganz persönlich der wichtigste Wert aus dem aktuellen Werteindex?

Für mich ist „Freiheit“ ein enorm wertvolles Gut. Dieses Bedürfnis, unabhängiger, ja autonom sein zu dürfen, ist für mich einer von mehreren Gründen gewesen, mich selbständig zu machen. Und ich merke, dass dieser Wert immer mehr Menschen in unserer Branche treibt. Die Zahl derjenigen, die sich selbständig machen und lieber als freier Mitarbeiter tätig sind, nimmt zu. Selbstbestimmter arbeiten zu können – das ist für viele ein Anreiz, wenn sie zuvor in einem Unternehmen mit betonierter Hierarchie und wenigen Mitgestaltungsmöglichkeiten tätig waren…

Hm, verständlich. Aber mir wurde noch nie so klar, wie in just diesem Moment, dass sich die von Ihnen beschriebene Freiheit oder Autonomie eigentlich auch ein bisschen mit dem Aufsteigerwert Gemeinschaft „reibt“… Was wird aus dem ungeschlagenen Spitzenreiterwert „Freiheit“, wenn der Wert Gemeinschaft noch weiter steigen sollte?! Wie geht das in Ihren Augen zusammen? Gemeinschaft heißt doch immer auch ein bisschen Freiheit aufzugeben, oder nicht?!

Stehen Werte nicht oft in Konkurrenz zueinander? Reibt sich beispielsweise „Transparenz“ nicht mit „Einfachheit“? Wenn alles und jeder transparent wird, wird es dann für den Einzelnen einfacher? Oder eher unübersichtlich? Ein anderes Beispiel: Muss man nicht Risiken eingehen, um Erfolg zu haben? Risiken einzugehen widerspricht doch aber dem Bedürfnis nach Sicherheit, oder nicht? Noch ein Beispiel: Familie – auf Platz 2 des Rankings – bringt allerhand Verpflichtungen mit sich. Schränken diese Verpflichtungen nicht die individuelle Freiheit ein?

Ich sage dazu jetzt nur „einfach transparent“ und „sicherer Erfolg“. Beides würde die Welt durchaus weiterbringen.

Aber weiter im Text… In einem anderen Interview mit Hans-Gerhard Kühn zum Thema „Wertschöpfung durch Wertschätzung“ sagen Sie, dass es nicht darum gehe, die Werte eines Unternehmens niederzuschreiben, sondern darum, sie aktiv zu leben. Es sei wichtig, jeden Tag „um die Werte-Kultur im Unternehmen zu ringen“. Das finde ich sehr spannend! Bei Jung von Matt wurde diesbezüglich ein Kultursatz definiert, der dieses Ringen zum sinnstiftenden Wert erklärt: „Wir bleiben unzufrieden!“

Wie findet das Werte- und Kulturringen bei achtung! konkret statt? Haben Sie regelmäßige „Kulturgipfel“ oder wie muss ich mir das vorstellen?

Es ist viel unspektakulärer als Sie wahrscheinlich glauben. Kern unserer Kultur und Agentur-DNA ist die gegenseitige Wertschätzung. Sie soll sich ausdrücken in Fairness, ehrlichem Feedback, dem Einbinden von Mitarbeitern in Entscheidungsprozesse, einer offenen Kommunikation, im Miteinander sprechen statt einem Übereinander reden. Aber wir sind eben alle nur Menschen. Und so wird bei uns wahrscheinlich jeden Tag gegen diesen Wert und unsere Kultur verstoßen. Oft ohne Absicht. Ein Beispiel: Jemand vergreift sich in einer stressigen Situation gegenüber dem Praktikanten im Ton. Das darf dann nicht toleriert oder ignoriert werden, sondern muss thematisiert werden. Das ist mit dem täglichen Ringen um die Kultur gemeint. Beobachtete Verstöße nicht hinzunehmen, sondern darüber zu sprechen, um die Kultur vital zu halten.

Herr Kaminski, wenn Sie einmal die Rolle eines Trendexperten einnehmen wollen: Wie sieht in 15 Jahren die Wertelandschaft Deutschlands aus? Welche Werte sind dann global die Top 3?

Könnte ich die Zukunft voraussagen, würde ich mich nur noch den Pitches und Ausschreibungen widmen, die wir zweifelsohne gewinnen werden. Aber Scherz beiseite. Die Veränderungsgeschwindigkeit und -intensität sind ja heute schon hoch. Die Veränderung wird Dauerzustand. Insofern glaube ich, dass „Sicherheit“ – auch im Sinne von Stabilität und Planbarkeit – wieder weiter nach oben rücken dürfte.

Also Sicherheit kommt wieder. Gibt es auch einen Wert, den Sie derzeit im Werteindex vermissen und den Sie in der Zukunft – vielleicht gerade global – erwarten? Oder den Sie sich, weil Sie nicht in die Zukunft schauen können, zumindest wünschen?

Beim Begriff „Gemeinschaft“ spüre ich mein Herz. Ich stelle aber fest, dass der Begriff „Gemeinschaft“ stets auch bewirkt, sich vom Rest abzugrenzen. Eine Gemeinschaft mit gemeinsamem Nenner zieht halt Grenzen zu anderen. Und in der Regel sieht sie ihre Ziele und Interessen gegenüber denen anderer Gemeinschaften als wichtiger an. Es soll nicht hochtrabend klingen. Aber viele Probleme wie beispielsweise der Klimawandel würden sich wohl in den Griff bekommen lassen, wenn wir uns alle als „Welt-Gemeinschaft“ und nicht als große Zahl kleinerer und größerer Gemeinschaften begriffen.

Zur Person:

Mirko Kaminski (40) hat Politik, Sozialpsychologie und Öffentliches Recht in Kiel studiert und sein Studium mit der Tätigkeit bei Radio Schleswig-Holstein finanziert. Dort hörte man ihn als Reporter, Nachrichtensprecher und Moderator. Zuletzt produzierte er dort die Morningshow. Nach dem Examen startete Kaminski als Kommunikationsberater bei Burson-Marsteller in Frankfurt und beriet vornehmlich Unternehmen im Finanzsektor. Als ihm die Citibank (heute Targobank) das Angebot machte, Pressesprecher zu werden, nahm er es an und wechselte nach Düsseldorf. 2001 machte sich der gebürtige Fehmaraner selbständig und gründete achtung!. Die Kommunikationsagentur beschäftigt heute 110 Mitarbeiter in Hamburg und München und arbeitet für Kunden wie Deutsche Bahn, Daimler, McCain, Duden, eBay, mobile.de und Nestlé Deutschland. Die große Leidenschaft des Vaters von zwei Kindern: Angeln.