Marc Schüling/TRENDBÜRO interviewt Simone Ashoff/Good School: „Sicherheitsempfinden existiert nicht dann, wenn meine persönlichen Daten abgeriegelt sind. Sondern dann, wenn die Gemeinschaft verantwortungsvoll mit meinen Daten umgeht.“

Marc Schüling, Geschäftsführer von TRENDBÜRO, spricht für www.werteindex.de mit Simone Ashoff, Gründerin und Inhaberin der Good School über analoge Menschen, Brücken zur digitalen Alphabetisierung, den Wert „Lehren zu Lernen“ und einige ungewöhnlich wertvolle Beispiele aus der digitalen Welt.

Frau Ashoff, Sie sind die Erfinderin der Hamburger Good School. Was lernt man bei Ihnen an guten Dingen?

Alles, was man über Internet und Digitalisierung wissen und können muss. Die Good School versucht Brücken zu bauen zwischen der digitalisierten Welt und dem noch ganz analog tickenden Menschen.

Dem “noch” ganz analog tickenden Menschen? Wird der Mensch irgendwann weniger analog werden?

Auf jeden Fall müssen wir immer digitaler denken. Mit unserem grundlegenden Wissen – Lesen, Schreiben, Rechnen … – verstehen und beherrschen wir die analoge Welt. Für die digitale Welt fehlt uns noch eine digitale Alphabetisierung wie sie z.B. Barack Obama fordert. Und viele unserer Lebensadern sind ja bereits total digital: eine ganz gewöhnliche Alltagserscheinung zum Beispiel, dass Menschen ihre Freunde und Follower zu jeder Stunde ihres Lebens, an allen ihren Erkenntnissen und Entdeckungen teilhaben lassen. Und es sind alle Generationen gleichermaßen betroffen, nicht nur die Jungen. Regelmäßig in der Good School zu Gast haben wir eine alte Dame, die von morgens früh bis abends spät mit Aktien im Internet handelt. Als sie in Rente ging, hat sie sich einen Computer angeschafft und das professionelle Handeln an den internationalen Börsen gelernt. (Ihr Sohn ist übrigens Banker und weit erfolgloser darin als sie.) Von dem erwirtschafteten Geld kauft sie sich bei bahn.de Zugtickets zu Opernaufführungen, über die sie aus den Newslettern der großen Online-Redaktionen erfährt …

Die Good School “alphabetisiert” Werber, Marketing Manager, Vertriebler, Markenstrategen und alle anderen Mitarbeiter vom Junior bis zum Vorstand. Wir vermitteln das Wissen darüber, wie man sich kommunikativ sinnvoll in Netzwerken verhält – vor dem Hintergrund, wie sich die Anderen dort potenziell verhalten könnten. Die Vermittlung solchen Wissens erfolgt zum Beispiel ganz praktisch in einem Shitstorm Simulator, mit jeder Menge Papier und jeder Menge Digital Residents, die als “das Internet” live vor Ort sind. Ziemlich analog das Ganze übrigens.

Ich sehe da ganz klar “Lernen Lehren” als Wert. Stimmt das? Müsste “Lehren” oder “Lernen” nicht als Wert wieder mehr Aufmerksamkeit bekommen?

Ja. Der Wert heißt “Lifelong Learning” und er sollte sehr viel mehr Aufmerksamkeit bekommen in der Tat. Die Digitalisierung bedeutet eine grundlegende Veränderung unserer Welt. Und vermutlich werden wir damit auch in 5 oder 15 Jahren noch nicht fertig sein.

Wer vor 50 Jahren in den Beruf eingestiegen ist, konnte sich im Laufe seines Arbeitslebens recht gemütlich in einem einigermaßen unveränderlichen Umfeld professionalisieren, also seinen Job aufgrund wachsender Erfahrung einfach immer besser machen. Wer heute im Beruf ist, muss sich kontinuierlich mit den Neuerungen und Veränderungen, die das Internet bringt, auseinandersetzen: darüber lesen und Experten folgen – vor allem aber ausprobieren, üben, verwerfen, produktiv nutzen, Fehler machen, sich verbessern, umdenken, sich selber umerziehen, … und jederzeit offen und bereit sein für das Nächste, das man noch nicht versteht und beherrscht. Ausruhen gibt’s nicht. Das ist ungemütlich und manchmal sogar schmerzhaft. Aber auch spannend. Lernen eben.

Welche konkreten Werte zeichnen denn die Good School aus?

Vor allem ein Wert „Liebe“. Die Good School bricht den Widerstand gegen Internet und neue Technologien, indem sie mit den Schülern so lange und intensiv und detailverliebt und erlebnisreich verrückte Internet-Dinge tut und tolle Lehrer an den Start bringt, die ihre Expertise vermitteln, bis die Schüler begeistert sind. Keiner verlässt das Klassenzimmer, bevor er sich nicht wenigstens ein kleines bisschen ins Internet verliebt hat.

Welche Werte im Denken und Handeln unterscheiden in Ihren Augen „Digital Natives“ von den „Digital Immigrants“ der Vor-Netzwerkgesellschaft?

Veröffentlichen, “sich” veröffentlichen gehört bei den Natives zum guten Ton. Wer (sich) nicht veröffentlicht, findet nicht statt. Ist raus.

Und die Qualität von “Sicherheit” ist bei ihnen eine andere. Das Sicherheitsempfinden existiert nicht dann, wenn meine persönlichen Daten abgeriegelt sind. Sondern dann, wenn die Gemeinschaft verantwortungsvoll mit meinen Daten umgeht. Das Grundvertrauen ist größer.

Spannend. Eine Rückfrage! Das Thema des diesjährigen Trendtages war ja “Trust Design”, also “Wie organisiert man Vertrauen in der Netzwerkökonomie?”. Wie sehen Sie als ausgewiesene Netzexpertin das Thema “Vertrauen”? Was müssen Marken und Unternehmen zukünftig diesbezüglich lernen?

Kleine Anekdote: Im Kick-off-Workshop einer Social-Media-Agentur mit ihrem frisch gepitchten Kunden fragt die Agentur den Kunden nach mehrstündigen Abhandlungen zu Marke,  Zielgruppen und so weiter, was denn nun genau sein Ziel mit Social Media sei. Kommt als Antwort: “Nichts falsch machen.”

Ich glaube, Unternehmen müssen in erster Linie lernen, sich selbst zu vertrauen, und lernen, ihren Kunden gegenüber menschlich zu sprechen und sich menschlich zu verhalten. Heißt auch: Fehler machen zu dürfen, heißt auch: sich dafür zu entschuldigen. Dafür müssen sie wiederum auch Vertrauen in ihre Kunden, Fans und anderen Geschäftsbeziehungen legen.

Es gibt für gelungenes und glaubhaftes menschliches Unternehmensverhalten ein Vorbild, finde ich, und das ist die Telekom mit ihrem Twitter- bzw. Facebook-Service “Telekom hilft”. Der Leiter des “Telekom-hilft”-Teams ist auch Good-School-Lehrer und unterrichtet darüber, wie man lernt, als Unternehmen auf Augenhöhe mit seinen Kunden zu kommunizieren und damit sein Marken-Image umkehrt, aus seinen Kunden Markenbotschafter macht und Vertrauen erzeugt.

Wie sehen Sie als Expertin der Netzwerkgesellschaft die aktuellen Veränderungen im Werteindex? Welche Veränderungen haben Sie überrascht?

„Gemeinschaft“ als der Aufsteiger – im Zeitalter von Facebook, XING und Co. ist das klar, oder?

„Erfolg“ als der Absteiger – überraschend. Zeigt aber auch, dass Erfolg immer gekoppelt ist mit “wirtschaftlichem Erfolg”. “Persönlich erfolgreich” ist man bei uns irgendwie nicht. Schade eigentlich.

Frau Ashoff, was ist Ihr persönlicher Wertehit im aktuellen Werteindex?

Freiheit! Da bin ich ganz Mainstream …

Verraten Sie uns abschließend noch einige neue Websiten oder Plattformen, die sich sozusagen auf einige der Werte im Werteindex fokussieren?

„Freiheit“… als guter Gedanke hinter einem Kunstprojekt der Künstlergruppe uebermorgen.com. Ich zitiere: “Unser neuestes Projekt “Google Will Eat Itself” funktioniert ganz einfach. Wir haben eine “Fake” Site www.gwei.org, darauf haben wir Google Werbung laufen, mit dem Geld das wir monatlich von Google erhalten kaufen wir Google Aktien. Somit frisst sich Google selbst und am Schluss gehört uns Google. That’s it… www.gwei.org/gwei/” Macht gar nichts, dass das Projekt schon 7 Jahre läuft, da es sowieso eine errechnete Laufzeit von über 200 Millionen Jahren hat.

Passt zu „Gemeinschaft“. Passt aber als die Facebook-Alternative auch zu „Freiheit“: Diaspora. Ein dezentrales soziales Netzwerk, in dem der Nutzer die totale Kontrolle über seine Daten hat. www.diasporaproject.org

„Sicherheit“… Hier mal ein Praxistipp aus der Schule: Passwörter nie mit dem Browser abspeichern, alle Regeln für gute Passwörter beachten – und/oder 1 Password benutzen: www.agilebits.com/onepassword

„Erfolg“… eben genau der persönliche, der sich dadurch bemisst, ob man seine persönlichen Ziele erreicht oder nicht – lässt sich ganz gut tracken auf http://www.futureme.org. Hier kann man seinem zukünftigen Ich eine Mail schreiben, die einem dann in der Zukunft zugestellt wird.

„Anerkennung“… lässt sich in der entsprechenden Internet-Community ruckzuck einsammeln. Für Designer zum Beispiel hier: http://www.dribbble.com

„Transparenz“ und ihr prominentestes Internet-Exempel: www.wikileaks.org

„Einfachheit“… Wir Menschen ticken so: Kommt einer und sagt “Ich kann Tanzen, Bogenschießen, Marathonlaufen, Surfen und Fußballspielen” und noch einer, der sagt “Ich laufe Marathon”, dann schreiben wir dem One-Trick-Pony, das nur eine Sportart kann, in dieser einen Sportart eine höhere Kompetenz zu als dem anderen mit den vielen Sportarten. Spricht für Apps, die einfach sind und nur eine Sache können, die dann aber richtig gut. Meine Lieblings-App in diesem Zusammenhang: Text FS. (Gut für den stillen Austausch von irgendwelchem Blödsinn mit dem Tischnachbarn, wenn einem in der Schule langweilig ist.)

„Ehrlichkeit“… Wenn man’s nicht ist, fliegt das in der echten Welt nicht so schnell auf wie im Ameisenstaat Internet. Dazu gibt es viele Beispiele und das ist das berühmteste: www.de.guttenplag.wikia.com/wiki/GuttenPlag_Wiki

Zur Person:

Simone Ashoff hat Germanistik studiert und beschäftigt sich seit 20 Jahren intensiv mit dem Internet. Seit 1995 ist sie auch beruflich online: Sie hat die allerersten Websites für VH-1, MTV, BMW und MINI konzipiert. Und sie hat eine der ersten Interactive-Agenturen, Kabel New Media, mitaufgebaut.

Nach dem ersten Internet-Boom, dem Hype und dem Crash wechselte sie zur BBDO InterOne und entwickelte innovative Kommunikationsstrategien für BMW und MINI: für CRM, für das mobile Internet, für digitale Kommunikation im Raum, für Internet im Auto und für crossmediale Autowerbung.

2005 startete Simone Ashoff als Kreativ-Chefin bei Jung von Matt. Mit digitalen Projekten u.a. für Sixt, BILD, ProSieben, evian, Mercedes-Benz, Bosch und SPIEGEL Online erreichte die Agentur 2007 und 2008 Platz 1 in den Online-Kreativrankings.

Bisher wurde Simone Ashoff mit über 150 nationalen und internationalen Kreativpreisen ausgezeichnet. Sie ist Mitglied im ADC, doziert an diversen Kreativschmieden und macht nationale und internationale Jury-Arbeit wie z.B. in Cannes, bei den New York Festivals und beim ADC.

Am 1. April 2009 gründete Simone Ashoff die Good School, eine Schule für digitale Kommunikation in Hamburg. Seitdem hat sie mehr als 800 Profis und Mitarbeiter aus gut 120 Unternehmen fit gemacht – darunter Deutschlands erfolgreichste Kreativköpfe, Marketingmanager großer Marken und Vorstände internationaler Agenturnetzwerke. Sie arbeitet mit gut 100 nationalen und internationalen Top-Experten für alle relevanten Themen: Digital Planning, Online-Projektmanagement, Social Media, Mobile Marketing, Performance Marketing, Search, Techniktrends und Innovationen, Integrierte Kommunikation und Organisation.