Marc Schüling/Trendbüro interviewt Till Wahnbaeck/P&G: “Erfolgreiche Marken verstehen sich als Gemeinschaft Gleichgesinnter.”

Marc Schüling, Geschäftsführer von Trendbüro, spricht für www.werteindex.de mit Till Wahnbaeck, Vertriebsdirektor bei Procter & Gamble, über die Rolle von Werten in seinem Führungsstil, warum Erfolg immer mehr mit Gemeinschaft zu tun hat und seine ganz persönlichen Erfolgserlebnisse.

Herr Wahnbaeck, wie wichtig ist für P&G das Thema Werte in der Markenführung?

Bei P&G stehen Werte im Zentrum all dessen, was wir tun – kodifiziert als „Purpose, Values & Principles“, die sozusagen die Klammer sind, um die mehr als 100.000 Mitarbeiter weltweit miteinander zu verbinden. Allerdings geht es hier mehr um Unternehmenswerte wie „Leadership“, „Ownership“ und „Trust“. Aber auch unsere Marken versuchen wir mehr und mehr über Werte zu positionieren. Menschen wollen keine funktionalen Produkte kaufen, sondern sich auf eine Beziehung zu einer Marke einlassen, deren Werte sie teilen.

Wie ich weiß, haben sie mit großem Interesse den aktuellen Werteindex 2012 gelesen. Wie finden Sie die Ergebnisse? Sind für Sie Überraschungen dabei?

Mich beeindruckt, wie stark die Bedeutung von „Gemeinschaft“ in den letzten Jahren zugenommen hat. Darin liegt eine unglaubliche Chance, denn diese Entwicklung wird die Welt der Marken und die Rolle von Unternehmen nachhaltig verändern. In Zukunft wird das Unternehmen erfolgreich sein, das mit seinen Produkten einen Nutzen für die Gemeinschaft stiftet – Michael Porter, der Harvard-Ökonom, nennt das „shared value“ im Gegensatz zum herkömmlichen „shareholder value“. Und in Zukunft werden die Marken erfolgreich sein, die sich als Gemeinschaft Gleichgesinnter verstehen. Harley-Davidson ist ein klassischer Fall von Wertegemeinschaft und zur Schau getragenem Anti-Establishment. Start-ups wie LemonAid in Hamburg machen ethischen Konsum szenetauglich und schaffen neue Geschäftsmodelle.

Was ist ihr ganz persönlicher Wertehit?

Von den 12 gemessenen Werten ganz eindeutig die „Ehrlichkeit“. Ohne Ehrlichkeit sind alle anderen Werte nichts wert.

Herr Wahnbaeck, sie kommen ursprünglich aus dem Marketing und sind jetzt Vertriebsdirektor bei P&G. Welche Rolle spielen Werte im beruflichen Alltag?

Die entscheidende Rolle! Als ich meinen jetzigen Job vor knapp zwei Jahren begonnen habe, war die Stimmung düster: schlechtestes Team im Bund, Mitarbeiter in der „inneren Kündigung“, Geschäftsrückgang seit Jahren. Ein Jahr später war das Team Jahressieger als bestes Vertriebsteam und wir wachsen Quartal um Quartal. Und das hatte nichts mit der Qualität der Leute zu tun – schließlich waren sie früher schon über Jahre erfolgreich gewesen. Sondern mit Unternehmenskultur und eben gemeinsamen Werten. Wir sind zu Piraten geworden, die Spaß an der Arbeit und Spaß am Erfolg haben.

Aha, Piraten… Das ist aber wirklich ein sehr großer Shift zu den – selbst bei P&G augenzwinkernd selbstbetitelten – PROCTOIDS. Wie schafft man es, eine solche Kultur- & Werteveränderung innerhalb der straffen bestehenden Denk- und Organisationsstrukturen durchzusetzen?

Na ja, P&G ist zwar eine ausgesprochen analytische und prozessorientierte Firma – das müssen wir bei unserer Größe auch sein. Aber viele der Unternehmenswerte passten ja bereits, so wie Leadership, Ownership, Trust. Ich habe zu diesem Mix noch die Werte Mut und Spaß hinzugefügt und dem Ganzen eine verständliche Bildsprache gegeben. So halten wir Konferenzen auf dem Feuerschiff ab, haben eine Piratenflagge als Logo und für besonders mutige Taten (wie beispielsweise dem Neugewinn eines großen Kunden) gibt es augenzwinkernd einen „Piraten des Monats“ als Lego-Pirat oder Piratenpistole. Und damit hatten wir die Bausteine einer neuen Kultur: Respekt, Vertrauen und klare Erwartungen gegenüber den Mitarbeitern, das Bild des Verkäufers als eigenständiger Unternehmer in seinem Bereich, klare einfache Prioritäten und der Mut, auch mal hinterher um Verzeihung anstatt vorher um Erlaubnis zu bitten.

Als Mitglied eines global agierenden Unternehmens haben Sie doch sicherlich auch Einblicke in andere Regionen der Welt. Gibt es für Sie interessante Wertebeobachtungen aus anderen Regionen der Erde, die Sie mit Interesse beobachten?

Der Wert der Natur ändert sich. Einer der spannendsten globalen Trends, auf den ich in meinem vorherigen Job als Innovationsmanager gestoßen bin, ist Biomimikry. Wie können wir die Natur zur Problemlösung kopieren: die selbstreinigende Kraft der Lotusblüte für moderne Oberflächen; die leuchtenden Farben eines Schmetterlings durch Lichtbrechung statt Pigmentierung für Displays der Zukunft; die natürliche „Klimaanlage“ eines Termitenhügels für energiesparende Gebäude.

Ich würde gerne noch den Trendforscher in Ihnen herauskitzeln. Wie sieht ihrer Meinung nach die Werte-Top-Ten 2015 aus?

Der Begriff der „Nachhaltigkeit“ wird sich erweitern und als Dreiklang von ökologischer, sozialer und ökonomischer Nachhaltigkeit einen der vordersten Plätze einnehmen. Der Wert der „Freiheit“ wird – zumindest in Deutschland – abnehmen, denn die Freiheit wird vorausgesetzt. Und der „Erfolg“ wird nach dem Absturz der letzten Jahre ein Comeback erleben. Nicht als Erfolg eines Michael Douglas im Film „Wall Street“, sondern als der Erfolg, mit seinen eigenen Fähigkeiten Nutzen für die Gemeinschaft zu stiften.

Interessanter Gedanke, Erfolg heißt Gemeinschaft zu stiften! Was war denn ihr ganz persönlich wertvollster Erfolg?

Dazu zählt bestimmt die Arbeit meiner Non-Profit Unternehmensberatung. Die Grundidee ist einfach. Stiftungen und soziale Projekte bringen Leidenschaft für die Sache, wir bringen wirtschaftliches Knowhow. Damit profitiert der soziale Bereich vom Effizienzgedanken der Wirtschaft und der Nutzen für die Gemeinschaft steigt. So kam zum Beispiel die Schweizer Tafel in Genf zu uns und wollte Hilfe beim Kauf einer neuen Lagerhalle. Wir haben dann gemeinsam die Logistik-Kette überarbeitet und die Lieferkapazität um 20 Prozent gesteigert – ohne neue Lagerhalle.

Zur Person:

Dr. Till Wahnbaeck (40) arbeitet seit 12 Jahren bei Procter&Gamble in diversen Führungspositionen, zurzeit als Direktor Vertrieb für das Friseurgeschäft in Deutschland, davor jahrelang in der Europazentrale als Innovationsmanager und in globalen Marketingfunktionen. Der promovierte Historiker, Skibergsteiger und Vater von drei Töchtern lebt nach seinem persönlichen Werteindex: Neben der Arbeit hat er eine Non-Profit Unternehmensberatung für soziale Projekte gegründet und Aidskranken in Tansania beim Aufbau von Kleinstunternehmen geholfen.