RTLs “Undercover Boss”: Ein Offenbarungseid falsch verstandener Ehrlichkeit und Führung

Nächste Woche startet die 3. Staffel der RTL-Serie „Undercover Boss“. Unternehmen, die sich auf diese Weise, ehrliches Feedback erhoffen, offenbaren ihr mangelndes Verständnis von Ehrlichkeit, Transparenz und Anerkennung.

Die ersten beiden Staffeln der Serie erwiesen sich als Quotenbringer. Jetzt folgen sechs weitere Unternehmen – am 27. Februar 2012 geht es los. In der RTL-Serie „gehen Führungskräfte einen ungewöhnlichen Weg: Getarnt als einfache Hilfsarbeiter verrichten sie Jobs in ihrem eigenen Unternehmen, mit denen sie in ihrem normalen Arbeitsalltag niemals in Berührung gekommen wären. Sie machen dies, um den Kontakt zu ihren Mitarbeitern und der alltäglichen Arbeit im Unternehmen zu halten, und sich davor zu schützen, vermeintlich kluge Entscheidungen zu treffen, die jedoch fern der tagtäglichen Umsetzbarkeit sind.“ (RTL)

Die Kurzbeschreibung bringt auf den Punkt, wie anachronistisch die Denke der Unternehmen und der Zuschauer, die die Sendung als das Beworbene ernst nehmen, ist. Unternehmen, die ihre Führungskräfte „undercover“ in die unteren Etagen schicken und sich und ihre Mitarbeiter einem Millionenpublium vorführen lassen müssen, um zu wissen, was „eigentlich in ihren Firmen los ist“, haben in vielfacher Hinsicht ein ernsthaftes Problem. Gleich drei grundlegende Werte – Ehrlichkeit, Anerkennung und Transparenz – werden durch diese Praxis erst wirklich verraten. Wertschätzung und Kommunikation auf Augenhöhe ist ein einmaliges und hoch-inszeniertes Event im Rahmen eines PR-Plans, aber offensichtlich alles andere als alltägliche Praxis. Warum müsste sonst der „Boss“ zugeben, dass er den Draht zu seinen Mitarbeitern nicht ohne die Hilfe eines RTL-Kamera-Teams findet?

Die bestehende Kluft zwischen Top-Management und Arbeiter-Ebene wird durch die Maskerade zusätzlich verstärkt. Hier tut sich das wahre Machtgefälle auf: Wir lassen Dich etwas glauben, das nicht stimmt. Als wären Kamera-Teams und Regie (die nicht für ihre Zurückhaltung und Unaufdringlichkeit bekannt sind) genug der Herausforderung/Zumutung für einen Mitarbeiter in seinem Arbeitsalltag. Auf der anderen Seite tun sich die Firmenbosse leichter: Sie haben ihre eigenen Reaktionen unter Kontrolle. Ärgernisse oder bestimmte Mitarbeiter-Kommentare provozieren nicht die gleichen Reaktionen als wenn die Kamera nicht dabei wäre. Anschnauzen? Klar – „das würde auch gar nicht zum Format passen.“, wie Markus Küttner, Bereichsleiter für Comedy & Real Life bei RTL, offen im FAZ-Interview zugibt. Dieses Gefälle von Wissen und Nicht-Wissen wird von Chef und Sendung in Kauf genommen: Nur so bekäme man „ehrliches“ Feedback.

Unternehmenslenker, die diese Meinung vertreten, sind besser beraten, interne Strukturen zu schaffen, in denen tatsächlich ehrliches, konstruktives Feedback entsteht – das umgekehrt auch vom Unternehmen entsprechend wertgeschätzt wird. Nicht in Form eines Schulterklopfens im TV oder einer Flugreise, sondern durch Ernstnehmen und Umsetzen. Denn Feedback, das unter unehrlichen Rahmenbedingungen zustande kommt, mag zwar frei von der Leber weg sein. Es ist aber nicht notwendigerweise konstruktiv und weicht mit ziemlicher Sicherheit von der Antwort ab, die auf die Frage nach konkreten Verbesserungs- und Veränderungsmaßnahmen gekommen wäre.

Gleichzeitig tun sich die Unternehmenslenker selbst keinen Gefallen in ihrem Selbstbewusstein. Das Format bezieht seinen Reiz natürlich aus der Konstellation „Der feine Herr Sesselpupser aus der Anzugträgeretage in den Niederungen des Firmenproletariats.“

Unternehmenslenker, die sich auf dieses Spiel einlassen, bestätigen, bekräftigen und manifestieren ebendiese Rollen – auch wenn das Gegenteil behauptet wird. Umgekehrt gilt: Wenn Burger-King-Chef Bork sich am Drive-In-Schalter blamiert, wird das mit Genuss und Häme von Zuschauern und Medien betrachtet. Diese Manager! Excel-Sheets können sie, aber einen Burger bauen, da sieht die Welt anders aus! Dieser Humor macht auch offensichtlich, dass Manager und Führungskräfte auch umgekehrt mit mangelnder Wertschätzung zu kämpfen haben. Auch hier gilt es, auf Ursachenforschung zu gehen. Denn Führung, die so wenig Respekt erntet, hat wenig Chance auf fruchtbare Zusammenarbeit.

Nicht zuletzt bleibt auch die simple finanzielle Anerkennung für die Mitarbeiter auf der Strecke: Wenn sich ein Mitarbeiter statt über die reguläre Vergütung seiner Überstunden über eine Ägypten-Reise muss, ist einmal mehr Fremdschämen angesagt – und erstauntes Wundern, wie der Protagonist Mika Ramm von eismann versucht, diesen eigentlichen Affront als Anerkennung zu verkaufen. Erst im Nachgang der Ausstrahlung der Sendung verweist die Firma eismann auf eine vertragliche Verbesserung – hier nachzulesen.

Wirklich interessant werden Gespräche mit den Mitarbeitern, wenn die Kameras nicht dabei sind – wie auch Burger-King-Boss Andreas Bork meint. Bork verkündet am Ende der Folge, dass aufgrund seiner großartigen Erfahrung als Undercover-Boss, von nun an jedes Mitglied der Chef-Etage ein paar Tage in den Filialen vor Ort verbringen soll – ohne Kameras! Dieser Vorschlag stößt auf eingeschränkte Begeisterung. Vielleicht, weil die Kameras in Unternehmen mit einem solchen Verständnis von Organisationskultur und Kooperation letztendlich auch die Mitarbeiter vor ihren Chefs geschützt haben. Unternehmen, die Transparenz, Ehrlichkeit und Anerkennung ernst nehmen, nötigen ihre Mitarbeiter nicht auf solche Art und Weise ins Privat-Fernsehen.