Thomas Voigt/Otto Group: „Verantwortung ist keine Frage der Position, sondern der Einstellung.“

Mit Thomas Voigt, Direktor Wirtschaftspolitik und Kommunikation Otto Group, diskutiert www.werteindex.de heute über die Herausforderung, die richtige Balance zwischen der Wertewelt eines Hamburger Familienunternehmens und der Innovations- und Expansionsstrategie einer globalen Handels- und Dienstleistungsgruppe zu finden.

Herr Voigt, die Otto Group ist global mit 123 Konzerngesellschaften bzw. Marken in 20 Ländern vertreten und beschäftigt mehr als 50.000 Mitarbeiter. Wie schafft die Gruppe, flexibel auf äußere Einflüsse zu bleiben bei gleichzeitiger Kontinuität nach innen? Welche Rolle spielen dabei die Unternehmenswerte?

Kontinuität und die immer wichtiger werdende Flexibilität im unternehmerischen Alltag in Einklang zu bringen, ist in der Tat eine der großen Herausforderungen, vor der die Otto Gruppe steht. Der Anspruch besteht darin, dass Flexibilität und Kontinuität für uns keine Gegensätze sind. Ebenso wenig wie Freiheit und Verantwortung. Denn bei der Otto Group gilt: Verantwortung ist keine Frage der Position, sondern der Einstellung. Deshalb spielen Unternehmenswerte eine entscheidende Rolle für den jahrzehntelangen Erfolg unserer Gruppe: Wer aus einer festen, einer inneren Überzeugung handelt, muss nicht lange überlegen, welchen Weg er geht. Wer seine Ziele verinnerlicht hat, folgt einem inneren Kompass – auch wenn sich die Zeiten und die Rahmenbedingungen verändern.

Warum sind gerade die Werte Wirtschaftlichkeit, Innovation, Vielfalt und Nachhaltigkeit für die Otto Group die wesentlichen?

Für die Otto Group gilt heute mehr denn je, die richtige Balance zwischen der Wertewelt eines Hamburger Familienunternehmens und der Innovations- und Expansionsstrategie einer globalen Handels- und Dienstleistungsgruppe zu finden. Dabei besitzt der Konzern zwei unterschiedliche Wertewelten: die fürsorgliche Seite und die kämpferische Seite. Die von Ihnen genannten Werte Wirtschaftlichkeit, Innovation, Vielfalt und Nachhaltigkeit, stellen für uns die ideale Symbiose von wirtschaftlicher Freiheit einerseits und Verantwortung gegenüber Mensch und Natur andererseits dar. Für beides steht der Konzern gleichermaßen.

Die klare Mission der Otto Group lautet seit dem letzten Jahr „ Die Kraft der Verantwortung“. Was waren die Hintergründe oder Beweggründe für dieses Bekenntnis? Wie gestaltete sich der Prozess zu dieser Mission?

Aus meiner Sicht bedarf ein Bekenntnis immer einer Voraussetzung – einer Erkenntnis. Der Vorstand der Otto Group hat erkannt, dass es die Verantwortung ist, die Menschlichkeit und Nachhaltigkeit mit Wirtschaftlichkeit und Erfolg verbindet. Denn es ist eine Tradition, die uns die Gründerfamilie Otto stets vorgelebt hat: Verantwortung zu übernehmen, Verantwortung zu leben und Verantwortung zu geben. Mit unserer Mission, die auf einem iterativen Prozess beruht, hat der Vorstand ein Selbstverständnis formuliert, das die gelebte Verantwortung jedes einzelnen Mitarbeiters in den Mittelpunkt stellt. Eine Mission, bei der die Mitarbeiter das Unternehmen durch ihr persönliches Engagement verändern und ihre größte Stärke zur Geltung kommt: Die Kraft der Verantwortung.

Welche Veränderungen in der Organisation ergaben sich als Konsequenz aus dieser Mission? Welche Veränderungen sind im Tagesgeschäft zu beobachten?

Die Mission hat ohne Zweifel zu einer höheren Identifikation unserer Mitarbeiter mit den Werten der Unternehmensgruppe geführt und die Konzerngesellschaften noch näher zusammenrücken lassen. Von diesem neuen Gruppengefühl profitieren die Mitarbeiter genauso wie die einzelnen Unternehmen selbst. „Die Kraft der Verantwortung“ ist in meinen Augen sowohl ein dauerhaftes Versprechen als auch ein beständiger Appell geworden – an uns selbst, aber auch gegenüber unseren Kunden, unseren Partnern und gegenüber der Gesellschaft. Ich bin davon überzeugt, dass aus unserem Mut zur Verantwortung ein besseres Unternehmertum erwächst.

Wie stellen Sie sicher, dass die Gruppenwerte sich auch tatsächlich in allen Marken wiederfinden? Welche sind hier die größten Herausforderungen? Wie gehen Sie damit um?

Die Otto Group lebt von der Vielfalt ihrer Konzernunternehmen und Geschäftsfelder. Umso herausfordernder – aber auch wichtiger – war es für uns, etwas zu finden, das unsere Familien- und Leistungswerte miteinander verbindet und den Zusammenhalt aller Unternehmen über Ländergrenzen hinweg stärkt. Denn erst dadurch wird aus unserer Vielfalt eine kraftvolle Einheit. Mit unserer Mission ist es uns gelungen, eine Klammer zu finden, die alle Unternehmen verbindet und jedem dennoch größtmöglichen Spielraum eröffnet, unsere konzernweiten Werte zu leben.

Unter welchen Gesichtspunkten gestalten Sie in einem derart großen, internationalen Konzerngeflecht die Beziehungen zu Ihren Zulieferern und Partnern? Wie schlagen sich die Werte der Unternehmensgruppe in diesen Beziehungen nieder?

Vertrauen und ein fairer Umgang mit Geschäftspartnern ebenso wie mit unseren eigenen Mitarbeitern sind die Basis unser Geschäftsbeziehungen. Wir haben für die Zusammenarbeit mit unseren Partnern eindeutige Sozial-, Umwelt- und Beschäftigungsstandards definiert, deren Einhaltung wir vertraglich absichern, regelmäßig überprüfen und bei etwaigen Missständen sanktionieren. Diese Standards spiegeln unsere Unternehmenswerte und unsere Mission wieder.

In 2011 gab die Otto Group die dritte Trendstudie zum ethischen Konsum zum Thema Verbrauchervertrauen heraus. Warum drei Studien zum ethischen Konsum und warum zuletzt dieses Thema? Was waren die wichtigsten Erkenntnisse für Sie?

Da die Otto Group traditionell großen Wert auf Nachhaltigkeit in den Kernprozessen und in unserem Angebot legt, dieses Bemühen aber mental gerne von der vermeintlichen Erkenntnis torpediert wird, dem Verbraucher gehe es ja doch nur um den günstigsten Preis, haben wir uns 2007 für die Erforschung der Entwicklung des ethischen Konsums entschieden. Die wichtigste Erkenntnis: Die Bedeutung des ethischen Konsums wird für die Menschen von Befragung zu Befragung immer wichtiger. Die Entwicklung vom unsicheren und schutzbedürftigen hin zum gut informierten, mündigen und selbstbewussten Verbraucher ist in vollem Gange. Verbraucher wollen mehr und mehr Verantwortung übernehmen bei Ihrer Kaufentscheidung. Sie achten zunehmend auf die ökologischen und sozialen Standards von Produkten.
Die Studie gibt ein differenzierteres Bild ab darüber, wie Unternehmen Vertrauen beim Kunden erzeugen können. Sie stellt außerdem fest, welche Kunden ersichtlich bereit sind, nicht nur Verantwortung von Unternehmen einzufordern, sondern dies durch den Kauf der Produkte auch entsprechend zu honorieren. Dies bestärkt uns in unserer bisherigen Haltung und ist wichtig für unsere zukünftige Ausrichtung.

Das Gespräch führte Sabine Koppe.

Zur Person:
Thomas Voigt ist seit 2004 Direktor des Bereichs Wirtschaftspolitik und Unternehmenskommunikation der Otto Group in Hamburg. Zuvor arbeitete Voigt 20 Jahre als Journalist, unter anderem als Chefredakteur der Fachtitel W&V – Werben & Verkaufen, HORIZONT und der Wirtschaftsmagazine Impulse und BIZZ. Der Kommunikationsexperte ist u. a. auch ehrenamtliches Mitglied in der Sozialkammer der EKD und  Vorsitzender des Arbeitskreises Kommunikation der Handelskammer Hamburg. Voigt  wurde von der Jury des PR-Reports als „PR-Professional des Jahres 2009“ geehrt, weil er entscheidend zur kommunikativen Öffnung des früher verschlossenen Familienunternehmens beigetragen habe.