Tim Leberecht: „Chief Meaning Officers kämpfen gegen die “Entzauberung” der Wirtschaft und gegen die Diktatur des ROI.”

Tim Leberecht, CMO von frog, macht sich auf seinem Blog Gedanken, u. a. über den zukünftigen Stellenwert von Werten und “Meaning” im Marketing. Im Forum The Meaning of Business hat er andere prominente Praktiker eingeladen, ihre Ideen und Perspektiven zu diesem Thema zu teilen. www.werteindex.de bat Tim Leberecht zum Interview, und er erklärte sich bereit dazu. Und wie! Ein sehr umfassendes, tiefgehendes Interview, gespickt mit weiterführenden Links, ist das Ergebnis, dessen Umfang es legitimiert, in zwei Teilen veröffentlicht zu werden. Hier und heute ist daher Teil 1 zu lesen, nächste Woche Teil 2.

Allen interessierten ist Tim Leberechts Artikel “Wanted: Chief Meaning Officer” empfohlen, von dem es auch hier eine kurze, deutsche Zusammenfassung gibt.

Herr Leberecht, Sie bezeichnen ein “meaning surplus”als grundlegend für zukünftige Markenloyalität. Und während sich unser gesamtes Wirtschaftssystem im Umbruch befindet, rufen sie gerade Marketer dazu auf, diesen Prozess des Wandeln federführend zu gestalten – als Interface zwischen Kunden und Unternehmen.

Was ist das Neue an der Idee von “Meaning”? Inwiefern unterscheidet sich dieses Meaning von anderen emotionalen Markenbotschaften?

Ich sehe “Meaning” als ein vorgelagertes oder weitergreifendes Konzept. Emotionale Markenbotschaften sind Instrumente zur Verbreitung von Meaning. Aber die Botschaft ist nicht die Marke. Erfolgreiche emotionale Markenbotschaften berühren den Konsumenten nur dann, wenn der Markenkern für ihn von Bedeutung (“Meaning”) ist. Die unmittelbare Erfahrung der Marke kann (und sollte,  im Idealfall) emotional sein, aber der Markenkern – die Werte, die die Marke verkörpert und der Sinn, den sie stiftet – sind eher langfristiger und übergeordneter Natur. Die beiden Ebenen sind interdependent: Emotionale Momente in der Markenerfahrung verstärken die spirituelle Grundbindung an die Marke, und die bisweilen religiöse Bindung zur Marke (siehe Apple) manifestiert und festigt sich in emotionalen Marken-Momenten.

Aber das Neue am Meaning-Konzept ist nicht der Wertekatalog der Marke. Wirtschaft ist per definitionem kein wertefreier Raum (niemand wusste dies besser als der Moralphilosoph Adam Smith, der ja bezeichnenderweise vor Wealth of Nations eine moralphilosophische Schrift mit dem Title Theory of Moral Sentiments veröffentlichte). Schon immer haben Werte die Entscheidungen von Unternehmen und Organisationen geprägt: vom nach innen gewandten Arbeitsethos – wie arbeiten wir miteinander und behandeln wir unsere Mitarbeiter? – zum nach aussen gewandten moralischen Kodex – wie gehen wir mit unseren Stakeholdern um, und welche Werte liegen unseren Produkten und Dienstleistungen zugrunde? Seitdem zahlreiche Studien aufzeigten, dass Konsumenten “moralische” Marken bevorzugen, haben Unternehmen verinnerlicht, dass die Triple-Bottom-Line-Ausrichtung einen echten Wettbewerbsvorteil darstellt (“doing well by doing good”) und durch Modelle wie CSR (Corporate Social Responsibility) und zuletzt Values-Based Management Werte externalisiert und ethisches Handeln zunehmend als strategischen Erfolgsfaktor in ihr operatives Geschäft integriert. Noch einen Schritt weiter geht der stark wachsende Bereich der Social Enterpreneurship: for-profit Firmen, deren Geschäftsmodell einzig und allein auf der Schaffung sozialen Mehrwerts basiert. Schon jetzt sind 10% aller europäischen Firmen Social Enterprises (mit insgesamt 11 Millionen Angestellten), und die Europäische Union hat gerade eine neue Social Business Policy erlassen, die diesen Sektor weiter stärken wird.

Was das Chief Meaning Officer-Konzept von all diesen Paradigmen unterscheidet, ist, dass es das Unternehmen – und hier Marketing als die treibende Kraft – als den Urheber von “Bedeutung” begreift, der aktiv Moral schafft, und zwar nicht nur als Grundlage und Checkpoint für die Moralität des Geschäftsgebarens, sondern als vorrangiges, philosophisches Ziel der gesamten Unternehmung, jenseits von CSR und Social Enterpreneurship: “The job of leadership today is not just to make money. It is to make meaning”, schreibt der US-Autor und Consultant John Hagel. Meaning ist nicht auf die soziale Verantwortung eines Unternehmens begrenzt, sondern reicht weiter und meint die Produktion von Bedeutung. Diese kann sich in einer intellektuellen, emotionalen, spirituellen oder ethischen Kategorie manifestieren, oder idealerweise in allen gleichzeitig. Unternehmen sind nicht nur ein moralischer Kompass für Konsumbürger und bieten Orientierung; Meaning Officers produzieren selber Moral und stiften Sinn. Sie setzen auf intrinsische Motivation und erweitern die Maslow’sche Pyramide um Meaning – um eine transzendente Erfahrung, die über materielle Bedürfnisse und die Selbstverwirklichung hinausgeht.

Wie können Meaning Officers das bewerkstelligen?

Dies kann durch umweltfreundliches Handeln geschehen, durch das Wahrnehmen von Verantwortung in der örtlichen Kommune oder die Achtung von Menschenrechten, aber eben auch durch individuelle Sinnstiftungen abseits der großen CSR-Themen, wie z.B. die Schaffung von kleinen Ritualen. Ein bisschen ist das wie Religion for Atheists, um den Titel des jüngst erschienenen Buches des britischen Philosophen Alain de Botton zu zitieren, der eine Art Gebrauchsanleitung zur praktischen Re-Spiritualisierung  unserer säkularisierten westlichen Gesellschaft verfasst hat. Chief Meaning Officers kämpfen gegen die “Entzauberung” der Wirtschaft, gegen die Diktatur von ROI und Excel-Tabellen, und gegen Marketing als objektive Wissenschaft. Sie bringen die Kultur zurück in die Technokratie, verbreiten Ambiguität und Geheimnis in einer weitgehend prozessbestimmten, zweckorientierten Arena, und schaffen Erfahrungen von Intimität und Exklusivität in aller Öffentlichkeit.

Diese neue Art von Leadership gewinnt an Bedeutung vor dem Hintergrund der aktuellen Ereignisse – von Lehmann Brothers zur Euro-Krise, dem Arabischen Frühling zu Occupy Wall Street. Wir erleben den Autoritäts- und Vertrauensverlust der traditionellen Institutionen und eine fundamentale Legitimitätserosion des Kapitalismus, und beides sind letztlich moralische Krisen. Konsumenten und Bürger erwarten mehr von der Wirtschaft, aber nicht nur im Sinne von praktizierter Umwelt- und Sozialverantwortung, von “guten” Produkten und moralischer Orientierung. Es geht um die Transformation von Wirtschaft an und für sich, um die ‘raison d’etre’ von Unternehmen, um die “Moral von der Geschichte”. Und da legen es die jüngsten politisch-ökonomischen Entwicklungen nahe, ein radikaleres Umdenken zu fordern. Was ist, wenn der Sinn des Wirtschaftens in der Sinnstiftung liegt? Oder aus der Marketing-Perspektive: Machen Marken nur dann Sinn, wenn sie Sinn machen? Der amerikanische Ökonom Robert C. Solomon argumentiert in seinem Buch A Better Way to Think About Business – How Values Become Virtues, dass das Marktsystem sich nicht durch Effizienz oder Profit rechtfertigen lässt, sondern nur dadurch, dass Menschen vor allem soziale und emotionale Wesen sind. Märkte bieten ihnen einen Mechanismus, eine “sympathetic community”, wie er das nennt, zum sozialen Austausch.

Wer in diesen Communities, diesen Netzwerken, florieren will, muss eine eigene, identifizierbare Kultur pflegen und jede Menge Sozialkapital mit einbringen. Marketing – ganz im Sinne des in jeglicher Hinsicht prophetischen Cluetrain Manifestos von 2001 – ist daher immer eine kulturelle Leistung, ein Diskurs. Chief Meaning Officers sind die Feuilletonisten der Wirtschaft. Sie schaffen die Soft Power, die den langfristigen Erfolg des Unternehmens gewährleistet. Das mag sich in der Tat “soft” anhören, aber in der Network Economy, mit ihrer zunehmenden Komplexität von Beziehungsgeflechten zwischen Konsumenten, Produzenten, Konkurrenten und Partnern, sind Sozialkapital und soziale Intelligenz zu entscheidenden Erfolgskriterien geworden.

Inwiefern sind auch Werbe- und Kommunikationsagenturen gefordert, “Meaning Agencies” zu werden? Was machen Agenturen heute schon richtig? Was machen die meisten noch immer falsch?

Viele machen vieles richtig. Die Branche ist viel smarter als ihr Ruf, und vordergründige pseudo-soziale Kampagnen wie Pepsi’s Refresh Project sind eher seltene Ausrutscher. Wie Wieden + Kennedy für Nike authentische Sub-Kulturen begriffen und behauptet hat, verdient höchste Anerkennung. Toll ist auch die Dachis Group, die den Begriff des Social Business konsequent auf alle Bereiche des Unternehmens augedehnt und eine einflussreiche Plattform aufgebaut hat, die unter anderem den Social Business Index und zahlreiche wegweisende Veröffentlichungen beinhaltet. Oder die Ads Worth Spreading Kampagne von TED (“ads so good you choose to watch!”).

Werbe – und Kommunikationsagenturen sind, glaube ich, insgesamt einen Schritt voraus und haben “Meaning Production” schon lange zu ihrer Domäne gemacht. Allerdings bleiben Agenturen aufgrund ihres beschränkten Einflusses letztlich nur Impulsgeber; die Hauptverantwortung liegt bei den Inhouse Marketing Departments – und die tun sich schwer, von traditionellen Marketing-Konventionen abzurücken, weil in der Konzernzentrale oft der Mut zum innovativen “meaningful marketing” fehlt und ihnen daher das Mandat zum umfassenden Change Management versagt bleibt.

Wo sind die größten Hemmschwellen auf dem Weg zum “Chief Meaning Officer“?

Die größten Hürden für den Meaning Officer sind jedenfalls intern. Da stoßen Meaning Officer naturgemäß auf jede Menge Skepsis, und es ist nicht immer einfach, den Zynismus der eigenen Mitarbeiter, die Kluft zwischen den Glaubensbekenntnissen der Geschäftsleitung und der tatsächlichen Kultur des Unternehmens, zu überwinden. Ein Bekenntnis zum Anderssein, kreative Risikofreudigkeit, der Mut zu sozialem Marketing und der Drang zum Experimentieren sind die Charakteristika des Chief Meaning Officers. Wie Marketing-Guru Seth Godin so schön treffend formuliert: ‚Wer sich nicht der Gefahr aussetzt, wegen seiner Idee gefeuert zu werden, dessen Idee ist nicht wirklich originell.‘ Ich weiß, das ist leichter gesagt als getan, aber Marketer müssen endlich aus der Defensive heraus und selbstbewusster ihre Philosophie vertreten – und anstelle des ständigen Nachweises des Wertes von Marketing neue Werte definieren, einfordern und schaffen.

Nächste Woche erscheint Teil 2!

Über die Person:

Tim Leberecht ist CMO von frog. frog unterstützt Unternehmen in Design, Entwicklung und Markteinführung von innovativen, sinnvollen Produkten und Services. Designer, Strategen und Software-Ingenieure arbeiten in interdisziplinären Ansätzen zusammen. Die Kunden von frog finden sich in den unterschiedlichsten Branchen, wie z. B. Consumer Electronics, das Gesundheitswesen, die Automobilindustrie und die Unterhaltungsindustrie. Kunden sind u. a. Microsoft, Intel, MTV, Siemens und andere Fortune-500-Marken.