Tim Leberecht: „Wer keine Ideen und keine Vision hat, der hat eben Zahlen.”

Heute folgt Teil 2 des Interviews mit Tim Leberecht, CMO von frog. Neben seinem immer lesenswerten Blog Elektroniker wurde ich auf ihn vor allem durch seine Gedanken zur Zukunft des Marketings, das Tim Leberecht vor allem in der „production of meaning“, also der Produktion von Bedeutung und Werten sieht, aufmerksam. Letzte Woche wurde hier Teil 1 des Gesprächs veröffentlicht. Heute folgt Teil 2, in dem Tim Leberecht verrät, was Firmen schon heute richtig machen – und warum er quantitative Benchmarks für das Marketing für überschätzt hält.

Herr Leberecht, Sie fordern Unternehmen auf, mehr meaning zu produzieren statt neuer Produkte. Den Marketer sehen Sie als zentrales Interface zwischen Kunden und Unternehmen, der den Prozess der meaning production führt.

Haben Marketer überhaupt ausreichend Einfluss auf die Praxis ihrer Unternehmen in Bereichen außerhalb der Marketing-Abteilung?

Die Irrelevanz-Falle ist allgegenwärtig, aber inwieweit man reintappt hängt vom Selbstverständnis des Marketers ab. Marketing wird ja oft fälschlicherweise als Cost Center gebrandmarkt, als Luxus-Funktion für gute Zeiten, dabei ist es ein kritischer Erfolgsfaktor (wir wissen von zahlreichen Studien, dass der Erfolg oder das Scheitern von Unternehmen stark vom Marketing abhängt) und im Idealfall eine der wenigen Funktionen, die eine ganzheitliche Sicht auf das Unternehmen haben. Das sollten sich Marketers zu nutze machen. Sie sollten Beziehungen aufbauen zu anderen Funktionen und auf (Marken)Kontrolle verzichten, um somit mehr Einfluss auszuüben.

Das einflussreichste Marketing ist Marketing ohne Marketing: Marketing, das sich mehr als ein Netzwerk versteht als eine Funktion. Ich sage meinem Team immer, dass wir unser Ziel nicht erreicht haben, wenn unsere Funktion unternehmensweit an Macht gewinnt, sondern wenn das ganze Unternehmen zur Marketingorganisation geworden ist und wie ein Marketer denkt und fühlt.

Was zeichnet Unternehmen aus, in denen Marketer erfolgreich ganzheitlich gestalten können?

Erfolgreiche CMOs wie Beth Comstock bei GE sind für Geschäftsfeldbestimmung, Produktentwicklung und strategische Wachstumsinitiativen verantwortlich, in enger Zusammenarbeit mit den Business Units. Wie es Comstock vorgemacht hat, sollte Marketing nahe beim Kunden sein, eine langfristige Sicht einnehmen (und sich darin deutlich von Vertrieb/Sales unterscheiden) und als ein Change Agent agieren. Dies trifft insbesondere auf den Bereich Digitale Transformation zu: Ein jüngste Studie von Cap Gemini/MIT besagt, das zwei Drittel aller globalen Konzerne mit der Transformation zum digitalen Unternehmen erhebliche Schwierigkeiten haben. Das Thema Enterprise 2.0 – also der Einzug sozialer Medien in den IT-Mainstream und die Auswirkungen sozialer Technologien im allgemeinen – bereiten Chef-Etagen erhebliche Kopfzerbrechen. Wie Business zu Social Business wird, und nicht nur im Sinne von Social Responsibility, sondern viel weitreichender, im Sinne einer kompletten Neu-Definierung von Wertschöpfung – durch Ko-Kreation mit dem Kunden, Crowdsourcing, radikale Transparenz, usw. – diesen Wandel können Marketer als Meaning Officers entscheidend mit antreiben.

Unterliegen nicht auch Werte und Sinnstiftungen der Gefahr, austauschbar zu werden? Z. B. Umweltbewusstsein ist schon längst kein USP mehr. Welche kritischen Erfolgsfaktoren gibt es ist in der Positionierung von Werten und “Meaning” zu beachten?

Meaning hat kein Verfallsdatum. Die Produktion von Bedeutung kann nicht austauschbar werden, weil sie eigentlich immer austauschbar ist. Es ist ein Template. Mit anderen Worten: Was zählt, ist die Erfahrung, der Moment des Sinnstiftens an sich, das “Unterschiedmachen”. Mit welchen Werten und Ideen das im einzelnen geschieht, sollte jedes Unternehmen für sich entscheiden. Apple steht für die Humanisierung von Technologie, IBM für die globalisierte Nutzung von Technologie im Dienste eines “Smart Planets”, Coca-Cola für Happiness und so weiter. Marken müssen ihre These finden und dann jene Argumente im kollektiven Bewusstsein verorten, die ihnen recht geben.

Aber über diese allgemeinen Markenassoziationen hinaus: Wie produziert man Bedeutung? Was macht Bedeutung aus?  Vereinfacht gesagt, sind das, denke ich, vier Komponenten: Disruption, Seltenheit, Soziabilität und Transzendenz. Disruption bedeutet die Abweichung von der Routine, die Verletzung einer „mental map“, eines standardisierten kognitiven Modells. Zum Beispiel: Das iPhone stellte die mental maps von Computer und Telefon in Frage und verband beide zu etwas Ungesehenem, einer neuen Kategorie, die eine „dritte Bedeutung“ schuf.

Sehgewohnheiten und kognitive Muster brechen – so funktioniert Werbung. Meaning braucht daher noch weitere Dimensionen. Nehmen Sie das Beispiel der deutschen Nationalmannschaft: Hört sich trivial an, aber was würde den EM-Sieg des Teams bedeutungsvoll machen? Nun, zum einen, Seltenheit. Die deutsche Elf hat schon seit 1990 keinen internationales Turnier mehr gewonnen. Meaning ist umgekehrt proportional zum Auftreten von bedeutenden Ereignissen.

Und der Seltenheitswert eines Ereignisses potenziert sich, wenn er teilbar wird, d.h. ein soziales Moment hat. Dies kann auf vier Arten geschehen: durch die Möglichkeit, an Bedeutung teilzuhaben und sie aktiv mitzugestalten; durch das Teilen einer bedeutenden Erfahrung mit anderen (Bedeutung entsteht immer im Austausch mit anderen, ist ein soziales Phänomen – siehe „Fanmeile“); durch Großzügigkeit (wenn man mehr gibt als nimmt, entsteht ein Bedeutungsexzess, ein “meaning surplus”); und durch den sozialen Mehrwert, den Beitrag zur Gesellschaft, zum allgemeinen Wohl oder dem von benachteiligten sozialen Gruppierungen.

Letzteres führt zum Kriterium der Transzendenz: Es kann ein gesellschaftliches Ziel sein, das das individuelle Ereignis überhöht, eine Ideologie, oder eine abstrakte, universale Wahrheit. Bedeutende Erlebnisse deuten immer auf eine übergreifende Vision, eine „dritte Bedeutung” hin. Sie stehen nie nur für sich selbst. Warum wird eine Fussball-WM zum “Sommermärchen” und ein Team zum „Weltmeister der Herzen“? Das ist ja kein reiner PR-Spin, sondern eine echte emotionale Bewegung. Das konnte man auch bei Steve Jobs Tod sehen, als die kollektive Trauer fast schon ekstatische Züge annahm, oder in Obamas vieldiskutierter Präsidentschaftskampagne von 2008, in der sich Hunderttausende von jungen Amerikanern engagierten, weil sie von der Vision von “Hope” – von der Machbarkeit echten Wandels – inspiriert waren. Oder zuletzt Occupy Wall Street. Es gibt einfach diese Momente, die eine tiefe innere Wahrheit in uns bloßlegen.

Chief Meaning Officers behalten alle diese Faktoren – Disruption, Seltenheit, Soziabilität und Transzendenz – bei ihren Aktivitäten immer im Auge. Aber ein fünfter fehlt noch: Echtheit. Nur wenn die Intentionen des Unternehmens ehrlich sind, wird die Authentizität der Marke fühlbar. Ansonsten ist Meaning bedeutungslos.

Wie passt die Entwicklung zu mehr Meaning zur ansonsten ebenso immer öfter hörbaren Forderung nach mehr Meßbarkeit und effektiven ROI?

Zunächst einmal: Ich schenke der geläufigen Formel, dass man nur das managen kann, was man messen kann, keinen Glauben. Im Gegenteil: Die besten Manager sind Experten im Managen des Nicht-Messbaren. Um es noch etwas mehr zuzuspitzen: ROI ist eine Schimäre und in der Regel ein Alibi, um Chefs zufriedenzustellen. Wer keine Ideen und keine Vision hat, der hat eben Zahlen. Verstehen Sie mich nicht falsch, ich bin nicht grundsätzlich gegen die Quantifizierung der Wirkung von Marketing-Programmen. Aber nur, wenn man im Hinterkopf behält, dass diese Zahlen immer nur eine Annäherung dastellen, eine Interpretation, aber niemals eine objektive Wahrheit. Der ROI bleibt zwangsläufig oft “intangible” (Anm. d. Red.: immateriell). Wobei selbst der Sprachgebrauch zweifelhaft ist. Dass die vermeintlichen “tangible assets” (Anm. d. Red.: materielle Vermögenswerte) unter Umständen wesentlich volatiler sind als die “intangibles” hat die jüngste Finanzkrise ja nachdrücklich bewiesen. (Sie hat uns auch daran erinnert, dass ein Grossteil der Buchhaltungswerte eines Unternehmens sich als vollkommen virtuell herausstellen kann.)

Das schöne deutsche Wort der “Wertschätzung” wird immer noch unterschätzt im Vergleich zu den sogenannten “harten” Metrics wie Leads, Funnel Contribution oder Revenue Contribution. Goodwill, Reputation, Customer Lifetime Value (der Wert eines einzelnen Kunden über den gesamten Zeitraum der Kundenbeziehung), soziales Kapital oder “organizational capital” (wie es der US-Finanztheoretiker Baruch Lev nennt) – diese Werte sind meiner Meinung nach wesentlich aussagekräftiger, wenn auch ebenso schwer präzise zu messen.

Hinzu kommt, dass die meisten ROI Messungen meist kurzfristig gedacht und allein auf das Quartalsergebnis oder die unmittelbare Wirkung von Marketingaktivitäten bezogen sind. Aber das Quartal (und wie überhaupt der gesamte übliche Budgetrahmen von einem Jahr) sind recht willkürliche Planungseinheiten, die nur selten mit der Realität eines Unternehmens übereinstimmen. Der Markt steht niemals still, Kunden denken und handeln in unterschiedlichen zeitlichen Perspektiven, und die Investition in Marken, in die Beziehung zu Kunden, in intellektuelle und emotionale Erfahrungen, lässt sich nur schwer formal erfassen. Jeder Marketer, der erklärt, genau zu wissen, mit welchem Effekt er wo investiert, lügt. Der ROI von Marketing ist letztlich immer eine Scheinkalkulation.

Und dennoch machen die meisten Marketingleute das Spiel mit – weil sie durch die Machtkonventionen in ihren Unternehmen dazu gezwungen werden und glauben, sonst ihr Mitspracherecht bei strategischen Entscheidungen zu verlieren. Wer Zahlen hat, gewinnt.

Ich bin mir sicher, dass viele Marketingabteilungen 50% ihrer Zeit damit verbringen, ihre Programme zu evaluieren und ROI Reports für das Management-Team zu erstellen. Stellen Sie sich vor, wie viel mehr sie erreichen würden, wenn sie auch nur die Hälfte dieser Zeit nicht für Reporting, sondern für kreative Marketing-Aktivitäten aufbrächten! Wie viel mehr Bedeutung könnten sie produzieren, wie viel neue Kunden könnten sie schaffen und wie viele existierende Kundenbeziehungen stärken? Ich kenne viele Kollegen, die gezwungen werden, detaillierte ROI Analysen zu erstellen, bevor sie überhaupt Geld ausgeben können – aber dann ist es meistens schon zu spät. Im Zeitalter des Social Web hat das Marketing keine Zeit mehr für ausgiebige Planung – alles was passiert, passiert jetzt. Just do it! Der Marketing-Mix ändert sich jeden Tag. Das einzig konstante sind Experimente – und die Werte, die sich in langfristigen Beziehungen zu Kunden und Öffentlichkeit ausdrücken.

Ein letzter Gedanke noch: Trotz des ganzen Hypes um Big Data und die totale, Echtzeit-nahe Erfassung und Analyse von Kundendaten, sollte man nicht vergessen, dass Daten immer nur reaktives Verhalten ermöglichen; selbst die datenbasierte Zukunftsplanung ist eine Reaktion. Statt auf Big Data setze ich auf Big Intuition! Wer wirklich innovativ sein will und etwas verändern will, vertraut seiner Intuition. Die ist nämlich schneller als alle Daten. Paradoxerweise gilt in der Wissensgesellschaft: Intuition sticht Wissen aus. Chief Meaning Officers wissen das. Sie erahnen Trends, bevor diese messbar werden, vertrauen ihrem (Mit)Gefühl und machen somit den Unterschied aus, der dann in ein echtes Differenzierungsmerkmal mündet. Wer nur Daten analysiert, ahmt das Bestehende nach. Wer selbstbewusst genug ist, um Daten zu ignorieren, kann Verhalten beeinflussen und tatsächlich etwas Neues schaffen. Henry Ford hatte Recht: ‚Wenn ich auf meine Kunden gehört hätte, hätte ich schnellere Pferde produziert‘. Daten helfen uns zu verstehen, wie die Welt ist; Innovatoren und Visionäre aber (und Chief Meaning Officers sind beides!) sehen die Welt, wie sie nicht ist.

Vielen Dank für Ihre Antworten!

Über die Person:

Tim Leberecht ist CMO von frog (http://www.frogdesign.com). frog unterstützt Unternehmen in Design, Entwicklung und Markteinführung von innovativen, sinnvollen Produkten und Services. Designer, Strategen und Software-Ingenieure arbeiten in interdisziplinären Ansätzen zusammen. Die Kunden von frog finden sich in den unterschiedlichsten Branchen, wie z. B. Consumer Electronics, das Gesundheitswesen, die Automobilindustrie und die Unterhaltungsindustrie. Kunden sind u. a. Microsoft, Intel, MTV, Siemens und andere Fortune-500-Marken.