Transparenz, Vertrauen und eine bessere Welt

Von Uly Foerster

Warum ist die Strategie von Bundespräsident Christian Wulff, den Wert „Transparenz“ in das Zentrum seiner Rechtfertigungs- und Verteidigungsargumentation zu stellen, vollständig gescheitert? Ein wesentlicher  Grund ist nicht nur darin zu suchen, dass das Versprechen, umfassende Transparenz zu schaffen, gar nicht, nur teilweise oder nur aus taktischen Erwägungen eingehalten wurde. Vielmehr lag der Strategie offenkundig ein fatales Missverständnis zugrunde: dass nämlich Transparenz Vertrauen ersetzen könne.Es lohnt, die Ausführungen des Werte-Index 2012 zur Transparenz nochmals im Lichte der Wulff-Debatte zu betrachten – obwohl die Studie lange vor den Enthüllungen über den Bundespräsidenten verfasst wurde. Die Analyse von rund 500 000 Web-Sites  zeigt, dass dem Wert Transparenz immer größere Bedeutung zugemessen wird. Der Werte-Index: „Skandale in Politik, Wirtschaft und Medien haben unser Vertrauen in die führenden Akteure zerstört. In dieser Situation wird der Ruf nach Transparenz laut. Tatsächlich steht hinter diesem Ruf vor allem die Forderung nach Macht und Kontrolle. Weil wir unserem System und seinen Repräsentanten nicht vertrauen, wollen wir ihren Einfluss minimieren….Weil uns das Vertrauen in die Welt abhanden gekommen ist, muss die Transparenz einspringen.“

Transparenz aber, so die Studie weiter, kann das verloren gegangene Vertrauen nicht ersetzen. Vertrauen ohne Transparenz wird es in Politik, Wirtschaft und Medien nicht geben. Das Transparenz-Versprechen allein aber stellt das verloren gegangene Vertrauen nicht wieder her. Der Werte-Index: „Die Offenlegung von Daten und Fakten reicht dazu nicht aus. Es ist die Bereitschaft, Kontrolle und Einfluss an den Einzelnen abzugeben.“

Die Ansprüche der Internet-User an Politik, Wirtschaft und Medien, sind hoch. Es geht um nichts weniger als eine bessere Welt: „Wer sich für mehr Transparenz im Staat einsetzt, tut dies im Glauben an eine bessere, weil weniger interessengesteuerte Politik – und in der Hoffnung auf eine bessere Welt.“ Das mag, zum Teil wenigstens, erklären, weshalb Wulff, der nicht für eine bessere Welt steht, verlorenes Terrain nicht zurückgewinnen wird. Und weshalb Grüne und Piratenpartei einen Höhenflug erleben – sie gelten, erkennt die Studie aus der Web-Analyse,, als „positive Beispiele transparenter Politik“.