Über den Tolpatsch der Medien und die Macht der Transparenz

Von Norbert Bolz

„Krise und Konsequenz: Banken, Politik, Unternehmen, Medien haben Vertrauen verloren. In der Wissensgesellschaft fordert der Einzelne mehr Beteiligung, Einfluss und Kontrolle. Deshalb wird die Organisation von Transparenz zur Machtfrage.“

Mit diesem Kernsatz hat der Werte-Index 2012, lange vor Beginn der Debatte über das Verhalten des Bundespräsidenten Christian Wulff, die überragende Relevanz des Wertes „Transparenz“ auf den Punkt gebracht. Im Internet-Zeitalter heißt Wahrheit Transparenz. Die Grundprinzipien der Kommunikation im Netz sind „linking“ und „leaking“. Linking steht für die Weisheit der Vielen, und Leaking besagt, dass nichts mehr geheim bleibt, immer etwas durchsickert. Darauf muss sich jeder einstellen, der sich heute in die Öffentlichkeit begibt. Jedem Politiker sein Wikileaks!
Am Schnittpunkt von Amt und Privatleben warten die Medien. Wer diese Transparenzerwartung nicht ertragen kann, sollte sich einen anderen Beruf suchen. Und genau diese Empfehlung möchte man dem Bundespräsidenten geben. Er hat versucht, sich als Opfer einer Medienkampagne zu stilisieren. Das ist aber das genaue Gegenteil dessen, was er hätte tun müssen, nämlich sich einem öffentlichen Bußritual zu unterziehen.

Wulff hat nichts gelernt von den Lektionen Käßmann und Guttenberg. Vom Fall Guttenberg hätte er lernen müssen, dass die Salamitaktik tödlich ist, weil sie gerade das Enthüllungsinteresse der Medien anstachelt. Und „Medien“ heißt heute eben nicht mehr nur, wie zu Gerhard Schröders Zeiten, Bild, BamS und Glotze, sondern auch Internet. Das Wiki, auf dessen Plattform Unzählige ihre Plagiatsfunde zu Guttenberg gesammelt haben, hat ja den Liebling der Massen zu Fall gebracht. Und vom Fall Käßmann hätte Wulff lernen können, wie man sich durch öffentliche Reuegesten als „authentisch“ verkaufen kann. Die Leute sind nämlich bereit, zu verzeihen, wenn der Sünder authentisch und transparent auftritt. Stattdessen fordert Wulff Menschenrechte für Bundespräsidenten – peinlicher geht es nicht.

Aber schon das Format Interview im Staatsfernsehen war falsch. Die einzig angemessene Form wäre die der Pressekonferenz gewesen. Aber statt selbst zu sprechen, hat Wulff seine Kommunikationen der Affäre ja von Anfang an über Anwälte laufen lassen. Und im Interview flüchtete er immer dann, wenn er von sich selbst hätte reden sollen, in das „man“, als ginge es um allgemeine Probleme und nicht um seine Kreditaffäre und seine Drohung gegen Bild-Chefredakteur Kai Diekmann.

Statt die Karten auf den Tisch zu legen, betont Wulff immer wieder, alles sei rechtens gewesen. Doch wenn es um die Würde des höchsten Amtes im Staat geht, ist Legalität allein kein Maßstab. Der Bundespräsident hat keine Macht, und alles, was er an Autorität besitzt, verdankt er der Würde seines Amtes. Machtpolitiker können Krisen aussitzen, der Bundespräsident nicht. Wulff begreift nicht, dass er als Hüter der Würde seines Amtes versagt hat.

Nun warten alle auf seinen Rücktritt. Kanzlerin Merkel hält ihn im Amt. Doch wenn die Wikis, die jetzt zur Causa Wulff eingerichtet werden, ähnlich funktionieren wie im Fall Guttenberg, sind auch die Tage des Pattex-Präsidenten gezählt. Transparenz ist stärker als Sitzfleisch.