Weder Zuckerbrot noch Peitsche

Der Wandel von der Industrie- zur Netzwerkgesellschaft krempelt auch die Arbeitswelt um. Im boomenden Bereich der Wissensarbeit sind Arbeitstage von 9-to-5 ebenso selten geworden 25jährige Dienstjubiläen. Die Arbeit wird nicht mehr von Routinen, sondern von Projekten mit ständig neuen Anforderungen und Zielen geprägt. Unternehmen konkurrieren um hochflexible, -qualifizierte und kreative Mitarbeiter. Diesen Wettbewerb gewinnt man nicht mit Geld. Sondern mit den richtigen Werten.

Das beweist ein näherer Blick auf die Digital Bohemians, die sich in den letzten fünfzehn Jahren als Trendsetter für den idealen Mitarbeitertyp etabliert haben: kreativ, qualifiziert, flexibel, engagiert, eigenständig. Sie sehen Arbeiten als Teil (und nicht als Gegenteil) vom Leben. Das geht, weil die Arbeit Spaß macht und/oder weil man Dinge dabei umsetzt, die einem wichtig sind.

Arbeit als Teil, nicht Gegenteil vom Leben

Die Digital Bohemians haben auch vorgemacht, wie das wirtschaftlich geht. Dabei müssen sie eine Menge Herausforderungen meistern: sich in einem intensiven Wettbewerb behaupten; Einkommensunsicherheit; lange Arbeitszeiten und hohe Arbeitsintensitäten; Planungsunsicherheit. Trotzdem schätzen Digital Bohemians ihre Selbständigkeit primär als Freiheit. Denn im Gegenzug erhalten sie Autonomie. Die Möglichkeit der Selbstbestimmung über ihre Arbeit und den Rest ihres Lebens. Zu bestimmen, wann und wo man arbeitet. Projekte, an denen man arbeitet, selbst zu bestimmen oder mitzugestalten. Sich selbst aussuchen zu können, mit wem man zusammenarbeitet. Die Prioritäten werden von keinem vorgegeben. Wer selbstbestimmt arbeitet, weiß, was einem wichtig ist. Manchen geht es um die Verwirklichung eines eigenen Lebenstraums, manchen um die Verbesserung der Welt. Andere wollen Familie und Beruf besser unter einen Hut bekommen. Andere wollen einfach keinen Chef mehr haben, sondern einer sein.

Autonomie ist mehr wert als Geld

Diese Werte schlagen sich in Arbeit und Netzwerk nieder. Wer die Welt verbessern will, lehnt den Ölkonzern und die Tabakindustrie als Auftraggeber ab. Wer eine kreative Vision hat, sucht Partner und Auftraggeber, die diese teilen. Wer als ganze Person im Wettbewerb steht und sich jeden Tag von Neuem behaupten muss, tut das, weil ihm etwas anderes wichtiger ist als Höhe und Sicherheit seines Einkommens.

Nichtsdestoweniger denken diese Selbständigen sehr unternehmerisch. Im Gegenteil – für Unternehmen ist es Zeit mal so denken wie diese Selbständigen. Und sich dessen zu besinnen, was eigentlich der Sinn der Unternehmung ist. Was will man mit dem täglichen Schaffen bezwecken? Welche Mission verfolgt man? Für welche Werte steht man? Die Zahlen müssen stimmen klar – aber lässt sich das nicht auf viele Arten erreichen? Nur dann können Unternehmen auch die Mitarbeiter suchen und finden, die zu ihnen passen. Die gemeinsam mit den anderen Mitarbeitern an einem Strang ziehen, für eine gemeinsame Sache – und nicht bloß für die Sache des Unternehmens.

Würden Sie mit Ihrem Unternehmen auf ein Bier gehen?

Es lohnt sich noch ein Gedankenexperiment – ganz ähnlich wie in diesem Video (Danke, Florian Häupl für den Link!) mit dem Date zwischen ihr (= Kundin) und ihm (= personifzierte Werbung). Stellen Sie sich auch mal kurz vor, Ihr Unternehmen wäre eine Person. Und dann stellen Sie sich Ihren Wunsch-Mitarbeiter vor, hochqualifiziert und kreativ, wie er da so mit seinem Laptop im Café hockt. Würden die beiden gerne zusammenarbeiten? Haben sich die beiden was zu sagen? Oder sogar gemeinsame Ideen? Funkt es? Oder kracht es, weil einer von beiden darauf beharrt, dass es ganz egal ist, was sie denn zusammen machen würden, Hauptsache, die Zahlen stimmen am Ende des Jahres?

Kotler et al (2010) zählen in „Die neue Dimension des Marketing“ eine ganze Reihe von Gründen auf, warum sich die richtigen zentralen Werte für ein Unternehmen auszahlen: die richtigen Mitarbeiter können besser angeworben und länger gehalten werden; die Produktivität der Belegschaft ist höher, weil jeder etwas tut, mit dem er sich identifizieren kann; die Außenwirkung des Unternehmens ist besser, weil jeder Mitarbeiter auch nach außen hin danach handelt bzw. darüber gerne spricht; das Diversity Management wird erleichtert, weil sich alle auf ein gemeinsames Werte-Set einigen können.

Wenn die gemeinsamen Werte stimmen – wenn sich Mitarbeiter, Führungskräfte und Unternehmen als gleichberechtigte Partner mit einem gemeinsamen Nenner, was jedem wichtig ist, fühlen -, dann erübrigt sich so manches aufwändige Incentive-Programm. Wenn alle das gleiche Ziel haben, braucht es weder Zuckerbrot noch Peitsche, um dort anzukommen.