Werte zum Überleben

Der Begriff der Resilienz erlebt einen ungeheuren Boom. Kein Wunder – nach „drei Jahren gefühlter Dauerkrise“ (Peter Wippermann) hat man sich mit der Krise abgefunden. Es geht jetzt nur mehr darum, so gut als möglich mit ihr zu leben und gestärkt aus ihr herauszugehen.

In diesem Blog wurde schon hier und hier auf dieses Thema eingegangen. Der Begriff der Nachhaltigkeit erfährt im Zusammenhang mit Resilienz eine neue Konnotation: Es geht weniger um das Bewahren und Konservieren eines heilen Zustands. Es geht vielmehr um die langfristige Sicherung der Existenz. Und für diese ist es notwendig, Veränderung zuzulassen. Nicht umsonst kommt das Konzept der Resilienz aus der Ökologie, wo es die Überlebensfähigkeit von ökologischen Systemen beschreibt. Nach einer Phase des Wachstums und der Etablierung gerät jedes System unweigerlich in eine Krise. Wird auf diese Krise mit den richtigen Veränderungen reagiert, kann es zu einer weiteren Wachstumsphase kommen undsoweiter. Die falsche Reaktion hat den Tod des Systems zur Folge.

Wie Harald Katzmair im Interview erläutert, ist es für resiliente Systeme wichtig, dass sie es schaffen, möglichst vielseitigen Lösungsansätzen Raum zu geben. Heterogenität ist der Schlüssel zum Erfolg. Denn für Wachstum sind andere Kräfte notwendig als für die Etablierung oder für die Bewältigung einer Krise. Was die verschiedensten Akteure eint, ist der gemeinsame Wunsch als System zu überleben. Hier kommen die Werte ins Spiel.

Das oben gezeichnete Bild kann 1:1 auf Unternehmen übertragen werden. Natürlich möchte jedes Unternehmen die Krise überleben und richtig auf sie reagieren. Man ringt um die richtigen Schritte zur Veränderungen. Der viel entscheidenderen Frage wird dabei wenig Raum gegeben: Warum sollte das Unternehmen überleben? Warum lohnt es sich um das Unternehmen zu kämpfen? Wer hat etwas davon, wenn es überlebt? Was die Gesellschaft davon hat, diese Frage müssen Unternehmer und Manager grundlegend in der Unternehmensmission beantworten.

Für den einzelnen Mitarbeiter liegt ganz praktisch und kurz gedacht die Antwort des eigenen Arbeitsplatzes nahe. Angesichts der regelmäßig kursierenden Zahlen über Mitarbeiter, die ohnehin bereits innerlich gekündigt haben (z. B. laut Gallup 21% der Mitarbeiter, die keinerlei emotionale Bindung zum Unternehmen haben und 66% die nur eine geringe Bindung haben, also „Dienst nach Vorschrift“ machen), liegt auch der Schluss nahe, dass diese Mitarbeiter zwar an einem Arbeitgeber hängen, aber nicht notwendigerweise an diesem einen. Gerade hochqualifizierte Arbeitskräfte werden kein Problem haben, zu einem anderen Arbeitgeber zu wechseln, vielleicht sogar einem, der im täglichen Tun mehr Sinn und Freude erlaubt.

Von dieser Sinnfrage sind natürlich auch Unternehmer und Manager betroffen. Warum wird es sich für sie lohnen, ein Unternehmen in einer anstrengenden Phase mitzubegleiten? Was ist für sie drin – außer Gehalt, Status oder eine Beförderung? Nur Unternehmen, die ihren kritischen Entscheidern eine Perspektive über solche Belohnungen hinaus bieten, werden ihre Leute halten können. Denn das Unternehmen braucht eine längere Perspektive als das mittlere 3-Jahres-Karriereplanungs-Intervall. Oder wie Katzmair es formuliert: „… wenn in einer Krise überall ausschließlich Zyniker am Werk sind, die eigentlich nicht wissen, was sie mit ihrer Macht wollen, außer ihr eigenes Überleben zu sichern, dann hat das Unternehmen ein ernsthaftes Problem.“

Werte bringen die verschiedenen Talente eines Unternehmens auf einen Nenner. Sie verleihen Unternehmen die Fähigkeit, die unterschiedlichsten Kapazitäten an sich zu binden und für sich zu nutzen. Indem individuelle Wünsche und Bedürfnisse unterstützt werden – die nicht nur, aber auch einem übergeordneten Ziel dienen. Die Grundvoraussetzung für das nachhaltige Überleben eines Unternehmens ist, dass die verschiedenen Akteure eines Unternehmens wissen, warum es sich – für jeden selbst und für die Welt – lohnt den Organismus „Firma“ weiterleben zu lassen. Das ist auch die Grundvoraussetzung, dass System überhaupt resilient sein können – dass jeder einzelne Bestandteil nämlich will, dass es überlebt.