Wie Glücksindikatoren aufgebaut sind. Oder: Wie man leben soll.

Die Politik entdeckt also das Wohlergehen abseits ökonomischer Faktoren – darum haben sogenannte Glücksindikatoren Hochkonjunktur.

Spannend ist diese Entwicklung in Hinblick auf die Wertefrage daher, dass dies von den Politik erfordert, zu definieren, was ein „gutes Leben“ oder eine „glückliche Gesellschaft“ ausmacht – kurz: welche Werte sie vertritt.

Und hier ist ein Blick auf die Konstruktion der Indizes lohnend. Immerhin ergibt sich daraus ein Bild davon, was ein gutes Leben ausmacht. Der kanadische Index ist hier sehr detailliert. Er beinhaltet Komponenten aus der demokratischen Teilhabe (z. B. Wahlbeteiligung, Frauenanteil in politischen Ämtern), Lebensstandard (z. B. Erwerbsquote, Einkommensverteilung), Gesundheitsfaktoren (z. B. Säuglingssterblichkeit, Fälle von Depression), Zeitverwendung, Freizeit und Kultur sowie dem Leben in der Gemeinschaft („community vitality“). Die Art der Zeitverwendung ist besonders aufschlussreich: Hier schlagen Überstunden von Erwerbstätigen ebenso negativ zu Buche wie Jugendliche, die mehr als das empfohlene Maß an „screen time“ verbringen. Positiv bewertet wird, wenn die Eltern den Kindern vorlesen, gemeinsam mit ihnen Mahlzeiten einnehmen oder die Kinder an organisierten Aktivitäten teilnehmen. Positiv zählen auch Theater- und Nationalparkbesuche sowie Urlaube. Außen vor hingegen bleibt die Domäne der Arbeit an sich.

Der amerikanische Gallup-Index of Well-Being (kein offizieller Index der Regierung) ist weniger differenziert gestaltet. Hier geht die eigene Einschätzung der Lebenszufriedenheit in den Index ein, emotionale und physische Gesundheit, die Arbeitszufriedenheit und die Befriedigung basaler Bedürfnisse wie die Verfügbarkeit von Trinkwasser u. ä. Interessante Schwerpunkte ergeben sich z. B. bei den Fragen nach dem physischen Wohlbefinden. Hier wird auch die Menge an wöchentlichem Obst- und Gemüsekonsum sowie das wöchentliche Sportpensum abgefragt. Es geht also längst nicht um die Abwesenheit von Krankheit, sondern um die eigenverantwortliche Optimierung des Wohlbefindens. Die Arbeitszufriedenheit wiederum inkludiert das Vorhandensein einer vertrauensvollen Umgebung, berücksichtigt aber weder Bezahlung noch Jobsicherheit oder Arbeitszeiten.

Das Dokument zur Grundlage des französischen Index beinhaltet neben dem Lebensstandard, Gesundheit und Bildung auch individuelle Aktivitäten, politische Teilhabe, soziale Kontakte und Umweltbedingungen auch den Faktor der Unsicherheit – und zwar sowohl in ökonomischer als auch physischer Hinsicht.

Ein Großteil der Werte des Werte-Index werden auch in den Glücksindikatoren berücksichtigt. Am explizitesten geschieht dies bei den Werten Sicherheit, Familie, Gesundheit, Gerechtigkeit, Natur und Gemeinschaft. Hingegen fällt auf, dass der Wert Freiheit eine relativ kleine bis gar keine Rolle spielt.  Am ehesten wird er in der Bedeutung von Unabhängigkeit und Autonomie repräsentiert, oder auch in der Zufriedenheit mit dem demokratischen System. Spielt der meistdiskutierte Wert Freiheit für eine zufriedene Gesellschaft etwa gar keine so große Rolle?